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5. Finanzielle Aufwendungen für die Hilfen zur Erziehung

Die Ausgaben für das Arbeitsfeld der Hilfen zur Erziehung sind im Jahre 2018 weiter gestiegen. Mittlerweile werden 10,73 Mrd. EUR (vgl. Abb. 5.2) oder unter Berücksichtigung angrenzender Leistungsbereiche und Maßnahmen, wie beispielsweise die Eingliederungshilfen bei einer (drohenden) seelischen Behinderung oder auch die Inobhutnahmen, etwa 12,60 Mrd. EUR für die entsprechenden Hilfesysteme seitens der öffentlichen Gebietskörperschaften pro Jahr aufgewendet.1 Die zu beobachtende Zunahme der finanziellen Aufwendungen folgt damit einerseits einem größer werdenden Bedarf und einer steigenden Nachfrage sowie infolge dessen einer höheren Inanspruchnahme und Reichweite von Hilfen zur Erziehung (vgl. Kap. 2.1). Die Hilfen zur Erziehung bewegen sich damit andererseits aber auch zwischen fachlichen Herausforderungen und Handlungsaufträgen auf der einen Seite sowie einem Kostendruck auf der anderen Seite oder auch zwischen Qualitätsentwicklung einerseits sowie fiskalischen Herausforderungen andererseits. Hierin kommt ein strukturelles Dilemma zum Ausdruck. Gänzlich auflösbar ist es nicht, vielmehr ist es Aufgabe von Politik und Verwaltung mit diesem Widerspruch umzugehen. 

21% der Kinder- und Jugendhilfeausgaben sind Aufwendungen für die Hilfen zur Erziehung

Im Jahre 2018 werden rund 51,04 Mrd. EUR für die Kinder- und Jugendhilfe aufgewendet (vgl. Abb. 5.1). Zwar fließt mit 66% ein Großteil der finanziellen Mittel in den Bereich der Kindertagesbetreuung, gleichwohl folgen darauf die Ausgaben für die Hilfen zur Erziehung einschließlich der Hilfen für junge Volljährige. Ihr Anteil beträgt 21% am Gesamtetat der öffentlichen Gebietskörperschaften für Strukturen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Dieser Anteil entspricht einer Summe von 10,73 Mrd. EUR – eine Größenordnung, die die Bedeutung der Hilfen zur Erziehung und der Hilfen für junge Volljährige als personenbezogene Dienstleistung der Kinder- und Jugendhilfe einmal mehr hervorhebt.

Für Arbeitsfelder und Handlungsbereiche jenseits der Kindertagesbetreuung und der Hilfen zur Erziehung werden deutlich weniger finanzielle Mittel eingesetzt. Beispielsweise liegt der Anteil der Ausgaben für die Kinder- und Jugendarbeit an den finanziellen Aufwendungen insgesamt bei etwa 4% sowie der für die Jugendsozialarbeit oder auch der für die Förderung der Erziehung in den Familien zwischen 1% und 2%.

Abb. 5.1:

Ausgaben für Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) im Vergleich zu Aufwendungen für andere Arbeitsfelder der Kinder- und Jugendhilfe (Deutschland; 2018; Angaben in %)

Ausgaben
insgesamt
51,04 Mrd. EUR

1) Ferner werden hierunter Aufwendungen für Beratungsleistungen jenseits der Erziehungsberatung, die gemeinsame Unterbringung von vor allem Müttern mit ihren unter 6-jährigen Kindern, aber auch der erzieherische Kinder- und Jugendschutz gefasst.
2) Einschließlich der Hilfen für junge Volljährige
3) Unter diese Kategorie fallen beispielsweise Aufwendungen im Rahmen der Mitwirkung in Verfahren vor den Familiengerichten oder den Jugendgerichten, für Aufgaben der Adoptionsvermittlung oder auch Amtspflegschaften und -vormundschaften.
Quelle: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Ausgaben und Einnahmen 2018; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

10,73 Mrd. EUR Ausgaben für die Hilfen zur Erziehung

Die kommunalen Jugendämter haben im Jahre 2018 10,73 Mrd. EUR für die Hilfen zur Erziehung einschließlich der Hilfen für junge Volljährige aufgewendet (vgl. Abb. 5.2). Neben der Inanspruchnahme von Leistungen der Hilfen zur Erziehung sind damit auch die finanziellen Aufwendungen sowohl absolut als auch im Verhältnis zur Zahl der jungen Menschen gestiegen. Das heißt im Einzelnen:

  • Zwischen 2000 und 2018 sind die Ausgaben um 6,01 Mrd. EUR auf die besagten 10,73 Mrd. EUR gestiegen. Das entspricht über den gesamten Zeitraum betrachtet einer Zunahme von rund 127%, für die erste Dekade von 2000 bis 2010 von 46% sowie von 2010 bis 2018 von 56% (vgl. Abb. 5.2). Berücksichtigt man für die 2010er-Jahre zusätzlich die allgemeine Preissteigerungsrate, ist real – auf dem Preisniveau des Jahres 2018 – zwischen 2010 und 2018 von einer Zunahme der finanziellen Aufwendungen in Höhe von rund 40% auszugehen.
  • Im Verhältnis zur Zahl der unter 21-jährigen jungen Menschen haben die sogenannten „Pro-Kopf-Ausgaben“, also die Aufwendungen pro jungem Menschen in der besagten Altersgruppe, im angegebenen Zeitraum von 257 EUR auf 663 EUR zugenommen und haben sich damit um den Faktor 2,6 erhöht (vgl. Abb. 5.2), zwischen 2000 und 2010 entspricht das einer Zunahme um den Faktor 1,7, zwischen 2010 und 2018 um 1,5.
  • Bei der Entwicklung der finanziellen Aufwendungen für die Hilfen zur Erziehung sollte, wie auch die Veränderung der Gesamtausgaben für die Kinder- und Jugendhilfe, die aktuelle sukzessive Umstellung der kommunalen Haushalte von der Kameralistik auf die Doppik bzw. die Regelungen der Länder zum kommunalen Haushaltswesen beachtet werden.2
ABB. 5.2:

Ausgaben für Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) (Deutschland; 2000 bis 2018; Angaben in 1.000 EUR sowie pro unter 21-Jährigen)

Methodischer Hinweis: Bei den finanziellen Aufwendungen für die Hilfen zur Erziehung werden die Ausgaben der Kommunen für die Durchführung der Leistungen sowie die einrichtungsbezogenen Aufwendungen des öffentlichen Trägers für eigene Einrichtungen und die Fördergelder an freie Träger mitberücksichtigt. Dies gilt im Besonderen für die Erziehungsberatung und die Einrichtungen der Heimerziehung.
Die Bevölkerungsdaten beziehen sich bis 2013 auf Fortschreibungen mit Basisjahr 1987 und 1990 sowie ab 2014 auf die Fortschreibung des Zensus 2011.
Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Ausgaben und Einnahmen; versch. Jahrgänge; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Anstieg der Aufwendungen für Hilfen in allen Leistungssegmenten, aber vor allem bei Fremdunterbringungen

Parallel zum Anstieg der finanziellen Aufwendungen hat sich das Arbeitsfeld der Hilfen zur Erziehung auch konzeptionell weiterentwickelt. Es sind Phasen der „Ambulantisierung“, „Familialisierung“, „Flexibilisierung“ oder auch einer zunehmenden Vernetzung zu beobachten.3 Alles in allem zeichnen sich auch vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen die Hilfen zur Erziehung durch heterogene pädagogische Settings aus. In den letzten Jahren haben sich aber vor allem die Fallzahlen der Fremdunterbringungen erheblich erhöht. Vor diesem Hintergrund sind seit dem Jahre 2000 für die erste und zweite Dekade des 21. Jahrhunderts folgende Entwicklungen zu beobachten (vgl. Abb. 5.3):

  • Der Anstieg der Ausgaben für die Hilfen zur Erziehung ist insbesondere in den 2000er-Jahre vor allem auf Mehrausgaben im Bereich der ambulanten Leistungen jenseits der Erziehungsberatung zurückzuführen. In der zweiten Dekade und gerade in den letzten Jahren sind aber auch die Ausgaben für Vollzeitpflege und insbesondere Heimerziehung (Fremdunterbringungen) nicht nur wieder deutlich gestiegen, sondern haben stärker zugenommen als die finanziellen Aufwendungen für die ambulanten Leistungen. 
  • Die finanziellen Aufwendungen für die Erziehungsberatungen haben sich zwischen 2000 und 2010 nominal um 19% sowie zwischen 2010 und 2018 um 15% erhöht. Die Zunahme in der zweiten Dekade entspricht nahezu der allgemeinen Preissteigerungsrate für den benannten Zeitraum. Die Ausgaben für die Erziehungsberatung sind real, also unter Beachtung der allgemeinen Preissteigerung, um ca. 3% gestiegen. 
  • Die Ausgaben für die ambulanten Leistungen der Hilfen zur Erziehung haben sich zwischen 2000 und 2010 mit einer Zunahme von 116% mehr als verdoppelt. Im Zeitraum von 2010 bis 2018 ist noch eine nominale Zunahme der finanziellen Aufwendungen um 31% sowie real um 17% zu beobachten. Die Jahre mit den stärksten Zuwachsraten liegen im Zeitraum 2005 bis 2010. 
  • Bei den Fremdunterbringungen inklusive aller Hilfen für junge Volljährigen sind die Ausgaben zwischen 2000 und 2005 zunächst nur mäßig gestiegen. Gegen Ende der ersten Dekade ist allerdings eine deutliche Zunahme der Ausgaben in diesem Bereich zu konstatieren. Insgesamt weisen die amtlichen Daten für den Zeitraum 2000 bis 2010 einen Ausgabenzuwachs von 30% aus. Zwischen 2010 und 2018 sind die Ausgaben nominal um 69% gestiegen, real um 52%. 
  • Der Anstieg der finanziellen Aufwendungen für die Fremdunterbringungen geht zwischen 2006 und 2018 in einer Größenordnung von 0,55 Mrd. EUR auf die Vollzeitpflege – das entspricht einer prozentualen Zunahme von 83% – sowie von 2,39 Mrd. EUR auf die Leistungen der Heimerziehung (+98%) zurück (ohne Abb.). Dabei stiegen zwischen 2015 und 2016 die Ausgaben für Leistungen der Heimerziehungen um 0,94 Mrd. EUR (+24%), für die Jahre 2016 und 2017 beträgt die Zunahme hingegen noch knapp 3%. Zuletzt sind die Ausgaben zwischen 2017 und 2018 um 0,18 Mrd. EUR (-4%) erstmals seit 2000 wieder zurückgegangen.
  • Ein deutlicher Anstieg der Ausgaben ist zuletzt für die Hilfen für junge Volljährige auszumachen. 2018 wurden 1,39 Mrd. EUR für diese Ausgabenposition aufgewendet und 141 Mio. EUR (+11%) mehr als 2017 (ohne Abb.). Bereits zwischen 2016 und 2017 gab es einen deutlichen Anstieg der Aufwendungen um 367 Mio. EUR (+42%). Allein 2010 und 2018 haben die Aufwendungen für Hilfen für junge Volljährige zwischen um fast 0,9 Mrd. EUR zugenommen und damit nominal um +168% sowie real um 141%.
ABB. 5.3:

Ausgaben für Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) nach Leistungssegmenten (Deutschland; 2000 bis 2018; Angaben in 1.000 EUR)

Methodischer Hinweis: Da die Ausgaben für die Hilfen für junge Volljährige nicht den Hilfearten oder Leistungssegmenten zugeordnet werden, sind diese Aufwendungen bei der Darstellung dem Bereich der Fremdunterbringungen zugeschlagen worden.
Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Ausgaben und Einnahmen; versch. Jahrgänge; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

56% der „HzE-Mittel“ für die Heimerziehung

Eine der zentralen Weiterentwicklungen für die Unterstützung bzw. Ergänzung der familiären Erziehung in den letzten Jahren ist die Ausdifferenzierung der Hilfen zur Erziehung insbesondere im Bereich der ambulanten Leistungen. Hier hat das SGB VIII unterschiedliche pädagogische Settings rechtlich kodifiziert, ohne einen abschließenden Katalog festgeschrieben zu haben.4 Gleichwohl zeigt die Verteilung der Ausgaben (ohne die Ausgaben für Leistungen im Rahmen der Hilfen für junge Volljährige), dass mit 56% über die Hälfte der der finanziellen Aufwendungen für die Heimerziehung (einschließlich der betreuten Wohnformen) aufgewendet werden (vgl. Abb. 5.4). Damit wird mehr als jeder zweite Euro für Leistungen der Hilfen zur Erziehung für die Heimerziehung und die betreuten Wohnformen eingesetzt. Die damit verbundenen 5,3 Mrd. EUR sind mit Abstand der größte Einzelposten in den Hilfen zur Erziehung. Zusammen mit der Vollzeitpflege liegt der Anteil der Ausgaben für die Fremdunterbringung von Kindern und Jugendlichen sogar bei fast 70%.

Zwischen 10% und 13% der finanziellen Aufwendungen insgesamt ohne die Ausgaben für Hilfen für junge Volljährige fließen einerseits in die Vollzeitpflege (13%) sowie andererseits in die Sozialpädagogische Familienhilfe (10%). Weitere 5% des Gesamtbudgets werden für die Finanzierung von teilstationären Hilfen insbesondere in Tagesgruppen und für flexible 27,2er-Hilfen jenseits des rechtlich kodifizierten Leistungskanons eingesetzt. Ambulante Leistungen wie die Soziale Gruppenarbeit oder die Erziehungsbeistandschaften weisen gerade einmal einen Anteil von bis zu 3% an den Gesamtausgaben aus (vgl. Abb. 5.4).

Die Höhe der finanziellen Aufwendungen für die Erziehungsberatung ist hingegen nicht einmal halb so hoch wie die Ausgaben für die Sozialpädagogische Familienhilfe. Etwa 4% der insgesamt 9,34 Mrd. EUR für die Hilfen zur Erziehung (ohne die Hilfen für junge Volljährige) werden entweder direkt für die Durchführung von Leistungen oder in Form einer institutionellen Finanzierung für dieses Leistungssegment der Hilfen zur Erziehung ausgegeben (vgl. Abb. 5.4).

Abb. 5.4:

Verteilung der Ausgaben für Hilfen zur Erziehung nach Hilfearten (ohne Hilfen für junge Volljährige) (Deutschland; 2018; Angaben in %)

Ausgaben
insgesamt
9,34 Mrd. EUR

Anmerkung: Die finanziellen Aufwendungen für die Hilfen für junge Volljährige werden hier nicht mitberücksichtigt. Zusammen mit den Ausgaben für die Hilfen für die jungen Volljährigen betragen die finanziellen Aufwendungen 10,73 Mrd. EUR (vgl. Abb. 5.2).
Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Ausgaben und Einnahmen 2018; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Länderunterschiede bei der Höhe der finanziellen Aufwendungen

Die Ergebnisse zu den finanziellen Aufwendungen für Strukturen und vor allem die Durchführung von Leistungen der Hilfen zur Erziehung sind trotz einheitlicher rechtlicher Grundlagen durch erhebliche regionale Unterschiede gekennzeichnet. Die Höhe der Ausgaben divergiert allein bei einer Gegenüberstellung der Ergebnisse der Bundesländer nahezu um das Vierfache (vgl. Abb. 5.5). Für die Bundesländer sind folgende Ergebnisse zu konstatieren:

  • Im Bundesländervergleich variiert die Höhe der finanziellen Aufwendungen für die Hilfen zur Erziehung zwischen 408 EUR pro unter 21-Jährigen in Bayern und 1.619 EUR im Stadtstaat Bremen. Damit variieren die „Pro-Kopf-Ausgaben“ zwischen den genannten Bundesländern um den Faktor 4,0.
  • Nicht zuletzt, weil in den Stadtstaaten mehr Leistungen der Hilfen zur Erziehung in Anspruch genommen werden als in den Flächenländern (vgl. Kap. 4), ist es sinnvoll auch bei den Ergebnissen zu den Ausgaben für diesen Bereich eine entsprechende Unterscheidung vorzunehmen. Dabei variiert im Verhältnis zu den unter 21-Jährigen die Ausgabenhöhe in den Stadtstaaten zwischen 817 EUR (Berlin) und 1.619 EUR (Bremen), während in den Flächenländern eine Schwankungsbreite zwischen 408 EUR (Bayern) und 800 EUR (Saarland) zu konstatieren ist.
  • Innerhalb der Flächenländer fällt das Ergebnis für das Saarland um 29 EUR pro unter 21-Jährigen höher aus als der Wert für Nordrhein-Westfalen mit 771 EUR, der an zweiter Stelle steht. Es folgen mit 766 EUR Brandenburg bzw. mit 748 EUR Sachsen-Anhalt; dahinter stehen Rheinland-Pfalz mit 730 EUR bzw. Hessen mit 721 EUR. In einem Korridor von 694 EUR bis hin zu 552 EUR pro unter 21-Jährigen bewegen sich die Resultate aus Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg. Mit weniger als 500 EUR pro unter 21-Jährigen fallen demgegenüber die Ergebnisse aus Thüringen und Bayern aus, wenn hier laut Statistik 496 EUR und 408 EUR pro jungen Menschen ausgegeben werden. Diese Verteilung korrespondierte in den letzten Jahren an vielen Stellen mit der Höhe der Inanspruchnahme von Leistungen der Hilfen zur Erziehung, insbesondere mit der Höhe der Fremdunterbringungen (vgl. Kap. 2.1).5 Das heißt: Bei einer hohen Inanspruchnahme von Leistungen der Hilfen zur Erziehung in einem Bundesland ist tendenziell von höheren finanziellen Aufwendungen für dieses Arbeitsfeld auszugehen.
ABB. 5.5:

Ausgaben für Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) (Länder; 2018; Angaben pro unter 21-Jährigen in EUR)

Anmerkung: Zur Berechnungsgrundlage der finanziellen Aufwendungen für die Bundesländer siehe auch den methodischen Hinweis zu Abb. 5.2.
Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Ausgaben und Einnahmen 2018; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Erkenntnisse und Perspektiven

Jugendämter in Deutschland haben im Jahre 2018 10,73 Mrd. EUR für die Hilfen zur Erziehung und die Hilfen für junge Volljährige ausgegeben. Diese Summe entspricht einem Anteil von 21% an den Gesamtaufwendungen für Leistungen und Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe insgesamt. Im Verhältnis aller in Deutschland lebenden jungen Menschen im Alter von unter 21 Jahren entsprechen die zuletzt erfassten Jahresausgaben einem Betrag von 663 EUR pro jungen Menschen. Im Jahre 2000 lag dieser Wert noch bei 257 EUR.

Die Höhe der finanziellen Aufwendungen ist allerdings regional in hohem Maße unterschiedlich. Während für Deutschland insgesamt die Ausgaben pro unter 21-Jährigen für Strukturen und vor allem Leistungen der Hilfen zur Erziehung bei ca. 663 EUR liegen, variiert dieser Wert zu den „Pro-Kopf-Ausgaben“ im Bundesländervergleich zwischen 408 EUR in Bayern und 800 EUR im Saarland. Im Stadtstaat Bremen werden – statistisch betrachtet – rund 1.619 EUR pro unter 21-Jährigen ausgegeben.

Der Anstieg der finanziellen Aufwendungen für das Arbeitsfeld der Hilfen zur Erziehung verteilt sich nicht gleichermaßen auf die Leistungssegmente und die Hilfearten. Während insbesondere für die Erziehungsberatung die Ausgabenzuwächse zwischen 2000 und 2018 vergleichsweise bescheiden ausfallen, sind vor allem die finanziellen Aufwendungen für die ambulanten Leistungen in der ersten Dekade der 2000er-Jahre – aber auch schon in den 1990er-Jahren – deutlich und kontinuierlich gestiegen. Die zweite Dekade zeichnete sich hingegen überwiegend dadurch aus, dass im Bereich der Fremdunterbringungen die Ausgaben für die Vollzeitpflege und insbesondere für die Heimerziehung sowie zuletzt auch für die Hilfen für junge Volljährige deutlich zugenommen haben. Die 2018er-Daten weisen allerdings aufgrund rückläufiger Bedarfslagen für unbegleitete ausländische Minderjährige gegenüber dem Vorjahr sinkende Ausgabenwerte aus.6 Deutlich wird somit: Während bis etwa Mitte der 2010er-Jahre die gestiegenen Bedarfslagen einer zunehmenden Zahl von unbegleitet nach Deutschland geflüchteten Minderjährigen zu höheren Ausgaben der Kinder- und Jugendhilfe für insbesondere stationäre Hilfen geführt haben, scheint derzeit absehbar, dass zukünftige Ergebnisse zu den finanziellen Aufwendungen wieder niedriger ausfallen werden.7

Beim Anstieg der finanziellen Aufwendungen ist unter methodischen Aspekten allerdings auch die allgemeine Preissteigerungsrate zu berücksichtigen. Der Hauptgrund für die Zunahme der finanziellen Aufwendungen liegt jedoch in der Fallzahlensteigerung, und zwar auch aufgrund prekärer Lebenslagen sowie aufgrund veränderter Muster der Wahrnehmung und Bewertung familiärer Lebenslagen sowie geeigneter Voraussetzungen für eine dem Wohl des Kindes entsprechende Erziehung.8 Zumindest in der Vergangenheit waren allenfalls am Rande Veränderungen bei den durchschnittlichen Fallkosten von Bedeutung. Die hierzu durchgeführten Berechnungen weisen weitgehend stabile bundesweite Kosten pro Fall für die Hilfen zur Erziehung aus.9

Literatur:

Deutscher Bundestag (Hrsg.): 14. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. Drucksache 17/12200, Berlin 2013.

Fendrich, S./Pothmann, J./Tabel, A.: Monitor Hilfen zur Erziehung 2018, Dortmund 2018 (http://hzemonitor.akjstat.tu-dortmund.de/fileadmin/user_upload/documents/Monitor_Hilfen_zur_Erziehung_2018.pdf; Zugriff: 21.02.2019).

Fendrich, J./Tabel, A.: Hilfen zur Erziehung 2018 – Rückgang der UMA, zunehmende Bedeutung des Kinderschutzes?, in: KomDat Jugendhilfe, 2019, Heft 3, S. 8-12.

Pothmann, J.: Kinder- und Jugendhilfeausgaben 2018: Entschleunigung des Anstiegs, aber 50 Mrd.-Marke genommen, in: KomDat Jugendhilfe, 2019, Heft 3, S. 5-8.

Schilling, M.: Der Preis des Wachstums, in: Th. Rauschenbach, M. Schilling (Hrsg.), Kinder- und Jugendhilfereport 3, Weinheim und München 2011, S. 67-86.

Tabel, A./Fendrich, S./Pothmann, J.: Warum steigen die Hilfen zur Erziehung? Ein Blick auf die Entwicklung der Inanspruchnahme, in: KomDat Jugendhilfe, 2011, Heft 3, S. 3-6.

Wiesner, R./Schmid-Obkirchner, H.: SGB VIII, Vor § 27, 4. Aufl., München 2015.

  1. Die rund 12,60 Mrd. EUR sind entnommen aus der Veröffentlichung des Statistischen Bundesamtes zu den Ausgaben und Einnahmen der Kinder- und Jugendhilfe 2018 – siehe hierzu auch Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Ausgaben und Einnahmen 2018, Tabelle 1 (www.destatis.de). Dieser von den 10,73 Mrd. EUR abweichende Betrag ergibt sich durch erstens das Einrechnen der Ausgaben für Maßnahmen der vorläufigen Schutzmaßnahmen (§ 42 SGB VIII) sowie der finanziellen Aufwendungen für Leistungen der Eingliederungshilfen bei einer (drohenden) seelischen Behinderung (§ 35a SGB VIII). Zweitens ist zu beachten, dass das Statistische Bundesamt bei den Ausgaben für die Hilfen zur Erziehung, die Eingliederungshilfen sowie die Hilfen für junge Volljährige die Aufwendungen für Einrichtungen der Erziehungs-, Jugend- und Familienberatungsstellen nicht mitberücksichtigt.
  2. Im Kontext der Umstellung und des damit einhergehenden „Ressourcenverbrauchskonzept“ als eine der zentralen Leitlinien der doppischen Haushaltsführung werden auch den Produkten der Hilfen zur Erziehung Kosten zugeordnet, die bis zum Zeitpunkt der jeweiligen Umstellung in der Kommune in der Regel nicht berücksichtigt worden sind. Dies kann mit zu dem Anstieg der finanziellen Aufwendungen für Leistungen der Hilfen zur Erziehung, aber auch anderer Strukturen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe beigetragen haben, ohne dass real mehr Ausgaben seitens der Kommune für diesen Leistungsbereich aufgewendet worden wären (vgl. Schilling 2011, S. 71f.). Solche Effekte sind vermutlich häufiger für den Zeitraum zwischen Mitte der 2000er-Jahre und Anfang der 2010er-Jahre zu vermuten, ohne dass sie sich allerdings empirisch mit der KJH-Statistik nachweisen lassen. In diesem benannten Zeitraum haben die meisten Länder von der Kameralistik auf die Doppik umgestellt.
  3. Vgl. Deutscher Bundestag 2013, S. 334ff.
  4. Vgl. Wiesner/Schmid-Obkirchner 2015, S. 455
  5. Vgl. Pothmann 2019
  6. Vgl. Fendrich/Tabel 2019
  7. Vgl. Tabel/Fendrich/Pothmann 2011
  8. Vgl. Schilling 2011