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3. Lebenslagen der Adressat(inn)en von Hilfen zur Erziehung

3.3 Migrationshintergrund

Die Begleitung und die Unterstützung von Menschen mit Migrationshintergrund werden als Herausforderungen für die Einrichtungen der Sozialen Arbeit diskutiert. Fragen des sozialpädagogischen Handelns, der interkulturellen Kompetenzen oder auch der Öffnung von Einrichtungen sind hier zentral.1 Entsprechende Aufgabenstellungen gelten auch für die Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe im Allgemeinen und der Hilfen zur Erziehung im Besonderen. In letzter Zeit hat das Thema Migration durch unbegleitete ausländische Minderjährige (UMA), die als Adressat(inn)en der Hilfen zu Erziehung vor allem mit Blick auf die Heimerziehung verstärkt in den Fokus getreten sind2, die Fachdiskussion mitbestimmt.

Wirft man einen genauen Blick auf die Daten, haben etwa 42% der jungen Menschen, die 2017 eine vom ASD organisierte erzieherische Hilfe begonnen haben, mindestens ein Elternteil mit ausländischer Herkunft (vgl. Abb. 3.3). Dieser Anteil ist deutlich höher als bei der Erziehungsberatung. Differenziert nach Herkunft und Sprache fällt der Anteil derjenigen, die zusätzlich zu Hause nicht die deutsche Sprache sprechen, in den erzieherischen Hilfen (26%) höher aus als bei der Erziehungsberatung (10%). Dieser Anteil ist gegenüber 2016 um rund 3 Prozentpunkte gesunken.

Bei einem differenzierten Blick auf das Leistungsspektrum zeigen sich hilfeartspezifische Unterschiede. Die Spannweite des Anteils von jungen Menschen mit Migrationshintergrund3, die zu Hause nicht Deutsch sprechen, ist in den einzelnen Hilfen wesentlich höher als bei denen, die hauptsächlich die deutsche Sprache in der Familie benutzen. Bei der zweiten Gruppe bewegt sich der Anteil zwischen 13% und 21%. Bei der ersten Gruppe ist der Unterschied gravierender: Auf der einen Seite liegt der Anteil bei der Tagesgruppe bei 14%, auf der anderen Seite bei intensiven sozialpädagogischen Einzelbetreuungen bei 48%. Auch in der Heimerziehung wird mit 40% ein relativ hoher Anteil ausgewiesen. Allerdings ist dieser im Vergleich zum Vorjahr um 11 Prozentpunkte deutlich gesunken. Ähnliches zeigt sich bei der Vollzeitpflege mit einem Rückgang um 9 Prozentpunkte. Hintergrund dieser Veränderungen sind aller Voraussicht nach die rückläufigen Zahlen der Adressatengruppe der unbegleiteten ausländischen Minderjährigen (UMA) bei neu beginnenden Fremdunterbringungen im Jahr 2017. Diese waren in den Jahren 2014 bis 2016 stark angestiegen, da sie im Anschluss an eine Inobhutnahme eine Hilfe zur Erziehung erhielten und deshalb als Adressatengruppe an Bedeutung gewannen.4 

ABB. 3.3:

Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) nach der Herkunft der Eltern und Hilfearten (Deutschland; 2017; begonnene Hilfen; Anteil in %)1

1 In der Statistik wird auch die Gruppe der jungen Menschen ausgewiesen, die keine ausländische Herkunft haben und zuhause vorrangig nicht die deutsche Sprache sprechen. Diese Gruppe spielt eine marginale Rolle in den Hilfen zur Erziehung, sodass sie hier nicht mitberücksichtigt wird.
* Einschließlich der sonstigen Hilfen
Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige 2017; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Unter der länderspezifischen Perspektive deuten sich mit Blick auf die über den Allgemeinen Sozialen Dienst organisierten erzieherischen Hilfen (jenseits der Erziehungsberatung) deutliche Unterschiede an. Auf der einen Seite reicht der Anteil junger Menschen mit mindestens einem Elternteil mit ausländischer Herkunft in den Hilfen zur Erziehung von 18% in Mecklenburg-Vorpommern bis zu 54% in Berlin (vgl. Tab. 3.3). Auf der anderen Seite ist eine Differenz zwischen dem Anteil der Familien mit Migrationshintergrund in der Bevölkerung und in den erzieherischen Hilfen in den Bundesländern auszumachen. Zwar sind in allen Bundesländern mittlerweile junge Menschen mit Migrationshintergrund in den Hilfen zur Erziehung (ohne Erziehungsberatung) überrepräsentiert. Gleichwohl spiegelt sich hier eine Spannweite von 1 Prozentpunkt in Hamburg und Nordrhein-Westfalen bis hin zu 14 Prozentpunkten in Thüringen wider. 

Bei der Erziehungsberatung wird in den westdeutschen Ländern die niedrigste Quote für die jungen Menschen mit Migrationshintergrund in Schleswig-Holstein (15%) ausgewiesen. Die höchsten im Stadtstaat Hamburg (37%) sowie in Baden-Württemberg und Hessen (jeweils 34%) zu verzeichnen. Für die ostdeutschen Länder liegt die Quote mit insgesamt 7% deutlich unter den Ergebnissen für die westdeutschen Länder. Der Anteil an Migrant(inn)en in der altersgleichen Bevölkerung korreliert mit dem Anteil bei Familien mit Hilfen zur Erziehung.

TAB. 3.3:

Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) nach Migrationshintergrund (Herkunft) im Vergleich zum Anteil von Familien mit Migrationshintergrund in der Bevölkerung (Länder; 2017; begonnene Hilfen, Angaben absolut und in %)

BundeslandJunge Menschen insgesamt in Erziehungsberatung 2017 (abs.)Darunter mit Eltern(teil) ausländischer Herkunft 2017
(in %)
Junge Menschen insgesamt in Hilfen zur Erziehung (ohne § 28 SGB VIII) 2017 (abs.)Darunter mit Eltern(teil) ausländischer Herkunft 2017
(in %)
Familien mit Migrationshintergrund mit Kindern unter 18 J. in der Bevölkerung 2017 (in %)
Baden-Württemberg39.56433,727.55151,544,2
Bayern41.19827,523.98146,135,0
Berlin14.69231,711.95453,543,6
Brandenburg9.1584,99.35420,311,0
Bremen1.55231,33.52251,549,2
Hamburg4.53637,411.22347,045,7
Hessen21.21633,813.19951,645,0
Mecklenburg-Vorpommern3.0236,76.54818,410,6
Niedersachsen31.55818,524.88735,131,4
Nordrhein-Westfalen80.48830,463.88142,642,0
Rheinland-Pfalz14.86423,513.62140,835,8
Saarland1.94718,43.25236,333,0
Sachsen17.2059,510.24825,412,2
Sachsen-Anhalt7.7516,47.16718,710,0
Schleswig-Holstein16.59714,59.38233,223,8
Thüringen8.9075,25.44023,29,2
Westdeutschland (einschl. Berlin)268.21229,2206.45344,339,2
Ostdeutschland46.0447,138.75721,410,8
Deutschland314.25625,0245.21040,635,0

Quelle: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige 2017; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik; Statistisches Bundesamt: Ergebnisse des Mikrozensus 2017 – Bevölkerung in Familien/Lebensformen am Hauptwohnsitz (Sonderauswertung zu den einzelnen Bundesländern); Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Betrachtet man zudem für das Jahr 2017 den Migrationshintergrund in Kombination mit dem Transferleistungsbezug, deuten sich sowohl bei den Hilfen zur Erziehung (ohne Erziehungsberatung) als auch bei der Erziehungsberatung Unterschiede zwischen den Familien mit und ohne Migrationshintergrund an. Bei den vom ASD organisierten Hilfen zur Erziehung zeichnen sich 2017 kaum Unterschiede zwischen Familien mit Migrationshintergrund ab, die zu Hause Deutsch sprechen, und Familien ohne Migrationshintergrund. Hier liegen die Anteile bei 57% bzw. 58% (vgl. Abb. 3.4). Bei den Familien mit Migrationshintergrund, die zuhause nicht Deutsch sprechen, fällt der Anteil mit 43% deutlich niedriger aus. Ein wesentlicher Unterschied zwischen den 3 Gruppen zeigt sich bei der Erziehungsberatung, gleichwohl der Anteil der Transferleistungsbeziehenden hier generell deutlich geringer ist als bei den vom ASD organisierten Hilfen. Während bei Familien ohne Migrationshintergrund lediglich 15% auf Transferleistungen angewiesen sind, ist der Anteil bei den Familien, die hauptsächlich nicht Deutsch sprechen, mit 41% mehr als doppelt so hoch.5

Hilfeartspezifisch zeigen sich nicht nur Unterschiede zwischen den Hilfearten, sondern auch Differenzen zwischen den Gruppen. Im ambulanten Hilfesetting weist die Sozialpädagogische Familienhilfe die höchsten Anteile von Transferleistungsbezügen bei allen 3 Gruppen auf, im Bereich der Fremdunterbringungen ist es die Vollzeitpflege.

Unterschiede spiegeln sich auch in beiden Leistungssegmenten wider. Bei den ambulanten Hilfen sind junge Migrant(inn)en, in deren Familie vorrangig nicht Deutsch gesprochen wird, tendenziell eher von staatlicher finanzieller Unterstützung betroffen als junge Menschen ohne Migrationshintergrund oder auch diejenigen Migrant(inn)en, in deren Familie hauptsächlich Deutsch gesprochen wird. Das gilt insbesondere für die Soziale Gruppenarbeit und die Sozialpädagogische Familienhilfe. Bei der Heimerziehung und der Vollzeitpflege spiegelt sich ein umgekehrtes Bild wider: Die Migrantenfamilien, die zu Hause vorrangig nicht Deutsch sprechen, sind zu einem wesentlich geringeren Anteil auf Transferleistungen angewiesen. Das betrifft vor allem die Heimerziehung; hier ist „lediglich“ jede vierte Familie von Transferleistungsbezug betroffen.

ABB. 3.4:

Hilfen zur Erziehung insgesamt sowie ausgewählte Hilfen nach Migrationshintergrund (Herkunft und Sprache) und Transferleistungsbezug (Deutschland; 2017; begonnene Hilfen; Anteil in %)

* Einschließlich der sonstigen Hilfen
Lesebeispiel: In der Heimerziehung sind 63% der Familien ohne Migrationshintergrund auf Transferleistungen angewiesen. Bei Familien, in denen mindestens ein Elternteil ausländischer Herkunft ist und in denen hauptsächlich die deutsche Sprache gesprochen wird, liegt der Anteil derjenigen, die zusätzlich Transferleistungen beziehen, bei 58%. Bei den Migrantenfamilien, die zuhause hauptsächlich nicht Deutsch sprechen, liegt dieser Anteil bei 26%.
Quelle: Forschungsdatenzentrum der Statistischen Ämter: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfen; 2017; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Junge Menschen mit Migrationshintergrund stellen eine Herausforderung für das Arbeitsfeld der Hilfen zur Erziehung dar. Sie sind in den Hilfen zur Erziehung keineswegs unterrepräsentiert; vielmehr hat sich ihr Anteil insbesondere durch die Gruppe der UMA bzw. der mittlerweile volljährig gewordenen ehemaligen UMA in letzter Zeit erheblich erhöht. Dies verweist auf die Herausforderungen und Handlungsbedarfe für ein fachlich angemessenes Arbeiten mit jungen Menschen mit Fluchterfahrungen für Jugendämter und freie Träger, die zuletzt auch die Sachverständigenkommission des 15. Kinder- und Jugendberichts herausgearbeitet hat.6 Dies gilt zum einen mit Blick auf deren komplexe Problemlagen. Zum anderen stellt sich aktuell auch die Frage nach Anschlussmöglichkeiten von Hilfen nach Erreichen der Volljährigkeit vieler UMA. Schließlich handelte es sich zum Großteil um junge Menschen im Alter von 16 und 17 Jahren.7

Unabhängig von der Adressatengruppe der UMA ist der Frage nach Zugangsmöglichkeiten von Migrantenfamilien in das Hilfesystem nachzugehen. Zudem offenbaren die Befunde, dass der Migrationshintergrund differenziert betrachtet werden muss. Gerade Familien, in denen vorrangig kein Deutsch gesprochen wird, stellen in diesem Zusammenhang eine besondere Herausforderung für das Hilfesystem dar.8 In der Gesamtschau heißt dies, dass Erziehungsberatungsstellen sowie die Sozialen Dienste hier mittel- und langfristig aufgefordert sind, migrationssensible Angebote, welche Unterschiede weder manifestieren noch ausblenden, zu gestalten. Dazu gehören Strategien wie die Akquise von Mitarbeiter(inne)n mit Migrationshintergrund genauso wie die Stärkung der interkulturellen Kompetenzen aller Mitarbeiter/-innen.

Literatur:

Autorengruppe Bildungsberichterstattung: Bildung in Deutschland. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Wirkungen und Erträgen von Bildung, Bielefeld 2018.

Bundesjugendkuratorium: Migration unter der Lupe. Der ambivalente Umgang mit einem gesellschaftlichen Thema der Kinder- und Jugendhilfe, Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums zu Migration, 2013 (www.bundesjugendkuratorium.de/assets/pdf/press/Stellungnahme_Migration_81113.pdf; Zugriff: 20.02.2019).

Cinar, M./Otremba, K./Stürzer, M./Bruhns, K.: Kinder-Migrationsreport. Ein Daten- und Forschungsüberblick zu Lebenslagen und Lebenswelten von Kindern mit Migrationshintergrund, München 2013 (www.dji.de/bibs/Kinder-Migrationsreport. pdf; Zugriff: 20.02.2019).

Deutscher Bundestag (Hrsg.): 15. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. Drucksache 18/11050, Berlin.

Fendrich, S./Tabel, A.: Rückgang bei neu begonnenen Fremdunterbringungen, in: KomDat Jugendhilfe, 2018, Heft 3, S. 16-19.

Fendrich, S./Pothmann, J./Tabel, A.: Monitor Hilfen zur Erziehung 2012, Dortmund 2012 (http://www.akjstat.tu-dortmund.de/fileadmin/Analysen/HzE/Monitor_HzE_2012_1.pdf; Zugriff: 20.02.2019). 

Fendrich, S./Pothmann, J./Tabel, A.: Monitor Hilfen zur Erziehung 2018, Dortmund 2018 (http://hzemonitor.akjstat.tu-dortmund.de/fileadmin/user_upload/documents/Monitor_Hilfen_zur_Erziehung_2018.pdf; Zugriff: 20.02.2019).

Gadow, T./Peucker, Ch./Pluto, L./van Santen, E./Seckinger, M.: Wie geht’s der Kinder- und Jugendhilfe? Empirische Befunde und Analysen, Weinheim und Basel 2013. 

Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen: Migration und Familie. Kindheit mit Zuwanderungshintergrund, Wiesbaden 2016.

  1. Vgl. Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen 2016; Gadow 2013 u.a., S. 225ff.
  2. Vgl. Fendrich/Tabel 2018
  3. Zum Nachvollziehen der Migrationskonzepte in der Kinder- und Jugendhilfestatistik und dem Mikrozensus sei an dieser Stelle auf die entsprechenden Verweise in der ersten Ausgabe des Monitors Hilfen zur Erziehung hingewiesen (vgl. Fendrich/Pothmann/Tabel 2012, S. 18ff.).
  4. Vgl. Fendrich/Pothmann/Tabel 2018, S. 23ff.
  5. Für eine Bewertung dieses Befunds ist es zum Vergleich notwendig, die allgemeine Situation jenseits der Hilfen zur Erziehung bei Familien mit und ohne Migrationshintergrund hinsichtlich eines Transferleistungsbezugs zu berücksichtigen. Der Mikrozensus zeigt diesbezüglich, dass sich Familien mit Migrationshintergrund zu einem weitaus größeren Anteil in ökonomisch prekären Lebenslagen befinden (vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2018, S. 35ff.; Cinar u.a. 2013). Stellt man nunmehr für die Erziehungsberatung die Besonderheit heraus, dass gerade diese Hilfe zu einem größeren Teil von Familien ohne Transferleistungsbezug in Anspruch genommen wird als die über den ASD organisierten Hilfen (vgl. Deutscher Bundestag 2013, S. 304), so heißt das umgekehrt, dass für Familien mit Migrationshintergrund dieses Ergebnis vor dem Hintergrund der schlechteren ökonomischen Lebenslagen der Migrantenfamilien zu relativieren ist.
  6. Vgl. Deutscher Bundestag 2017, S. 445ff.
  7. Vgl. Fendrich/Pothmann/Tabel 2018, S. 23ff.
  8. Vgl. Bundesjugendkuratorium 2013, S. 27ff.