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2. Inanspruchnahme und Adressat(inn)en der erzieherischen Hilfen

2.1 Mehr Hilfen zur Erziehung im Jahr 2017 – 1.118.347 junge Menschen erhielten Leistungen

Das Statistische Bundesamt hat Anfang Dezember 2018 die Daten zu den Hilfen zur Erziehung1 des Jahres 2017 veröffentlicht. Mit einer Zahl von 1.118.347 jungen Menschen, die 2017 eine Hilfe zur Erziehung in Anspruch genommen haben, sind rund 35.170 Leistungen mehr als im Vorjahr gezählt worden (+3%). Damit wurde ein neuer Höchststand erreicht (vgl. Abb. 2.1). 2012 überschritt die Zahl der Adressat(inn)en erstmals die Millionen-Grenze. Seit 2010 hat die Zahl der jungen Menschen in den Hilfen zur Erziehung relativ langsam, aber kontinuierlich um insgesamt 13% zugenommen.

Ohne Erziehungsberatungen, die fast die Hälfte aller erzieherischen Hilfen ausmachen, wurden 2017 noch 659.127 junge Menschen, die von einer erzieherischen Hilfe erreicht wurden, seitens der auskunftgebenden Jugendämter gezählt. Betrachtet man die Entwicklung der Hilfen zur Erziehung (ohne Erziehungsberatung), die über den Allgemeinen Sozialen Dienst organisiert werden, sind sowohl die ambulanten Hilfen als auch die Fremdunterbringungen im Vergleich zum Vorjahr um jeweils 4% gestiegen. Der Fallzahlenanstieg bei der Fremdunterbringung fällt damit moderater aus als in den Jahren 2014 bis 2016.

ABB. 2.1:

Junge Menschen in den Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) (Deutschland; 2010 bis 2017; Aufsummierung der zum 31.12. eines Jahres andauernden und der innerhalb eines Jahres beendeten Leistungen; Angaben absolut, Inanspruchnahme pro 10.000 der unter 21-Jährigen)

Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige; versch. Jahrgänge; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Mehr familienunterstützende Leistungen, aber Fremdunterbringungen mit zunehmender Relevanz in den letzten Jahren

Bei der Verteilung der Leistungssegmente im Jahr 2017 nimmt die Erziehungsberatung gem. § 28 SGB VIII mit 448.693 Hilfen den größten Anteil ein (41%). Die Zahl der Beratungen lag, wie in den letzten Jahren, deutlich über dem Wert für die weiteren ambulanten Leistungen sowie der Anzahl an Fremdunterbringungen (vgl. Abb. 2.2). Gegenüber 2016 haben Erziehungsberatungen etwas zugenommen, und zwar um 10.527 Beratungen (+2%).

In den über den Allgemeinen Sozialen Dienst organisierten ambulanten Hilfen (§§ 27,2er-Hilfen, 29-32, 35 SGB VIII) und Fremdunterbringungen (§§ 27,2er-Hilfen, 33-34 SGB VIII)  wurden 2017 rund 659.100 junge Menschen gezählt, 24.643 mehr als 2016 (+4%) – mit ähnlichen Entwicklungen in den Leistungssegmenten: Im Jahr 2017 nahmen 4% mehr Kinder und Jugendliche und deren Familien bzw. junge Volljährige ambulante Hilfen in Anspruch. Mit Ausnahme der erzieherischen Hilfen in einer Tagesgruppe gem. § 32 SGB VIII sind bei allen Hilfearten Zuwächse festzustellen.

Auch im Rahmen von Fremdunterbringungen wurden 4% mehr junge Menschen in den Hilfen gezählt, wenngleich die Wachstumsdynamik gegenüber der Entwicklung 2015/16 (+11%) deutlich nachgelassen hat. Das hängt vor allem mit der geringeren Steigung der stationären Unterbringungen in Einrichtungen der Heimerziehung gem. § 34 SGB VIII zusammen. Mit einem Plus von 5% fiel der Fallzahlenanstieg zwischen 2016/17 moderater aus als noch im Vorjahr (+16%). Bei dem starken Zuwachs im stationären Bereich zwischen 2015 und 2016 handelte es sich um eine Auswirkung der gestiegenen Zahlen bei den unbegleiteten Einreisen von ausländischen Minderjährigen.2

Die über den ASD organisierten ambulante Hilfen (§§ ambulante 27,2er-Hilfen, §§ 29-32, 35 SGB VIII) und Fremdunterbringungen (§§ stationäre 27,2er-Hilfen, 33 und 34 SGB VIII) sind 2017 mit einem Anteil von insgesamt 59% im Leistungsbereich der Hilfen zur Erziehung vertreten, wobei es mehr ambulante Hilfen (37%) als Fremdunterbringungen (22%) gibt. Das macht sich auch bei der Inanspruchnahme der Leistungen bemerkbar. 2017 nahmen 256 pro 10.000 der unter 21-Jährigen eine ambulante Maßnahme in Anspruch. Bei den Fremdunterbringungen sind es mit 152 jungen Menschen pro 10.000 derselben Altersgruppe deutlich weniger. Die bevölkerungsbezogene Inanspruchnahme ambulanter Leistungen ist im Vergleich zum Jahr 2016 um 9 Punkte gestiegen; das ist der höchste jährliche Zuwachs seit 2011.

Bei den 2017er-Daten ist die überproportionale Steigerung der innerhalb des Jahres beendeten Hilfen auffällig. Mit einem Plus von knapp 15.000 beendeten Hilfen gegenüber dem Vorjahr fällt der Zuwachs im Vergleich zu der Entwicklung 2015/16 fast dreimal so hoch aus (ohne Abb.). Dies betrifft alle 3 Leistungssegmente, gilt aber für die Erziehungsberatung insbesondere. Mit einem Plus von mehr als 5.000 Hilfen gegenüber 2016 zeigt sich hier der höchste Anstieg der beendeten Hilfen seit 2010. Die Entwicklung bei den beendeten Hilfen könnte für die Zukunft eine Stagnation oder sogar einen Rückgang für die Fallzahlenentwicklung bedeuten, zumal die Zahl der 2017 begonnenen Hilfen gegenüber dem Vorjahr deutlich zurückgegangen ist.3

Dass sich der zwischen 2014 und 2016 zu beobachtende Trend stark steigender Fallzahlen im Feld der Hilfen zur Erziehung – und hier vor allem in den stationären Hilfen – in der Form nicht weiter fortsetzen wird, haben bereits die rückläufigen Daten zu den Inobhutnahmen von UMA zwischen 2016 und 2017 angedeutet.4

ABB. 2.2:

Junge Menschen in den Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) nach Leistungssegmenten (Deutschland; 2010 bis 2017; Aufsummierung der zum 31.12. eines Jahres andauernden und der innerhalb eines Jahres beendeten Leistungen; Angaben absolut, Inanspruchnahme pro 10.000 der unter 21-Jährigen)

Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige; versch. Jahrgänge; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Die bundesweite Entwicklung der erzieherischen Hilfen seit Beginn der 2000er-Jahre ist durch einen kontinuierlichen Zuwachs im ambulanten Leistungsfeld gekennzeichnet. Zumindest bis 2010 war ein Fortschreiten dieses Trends auszumachen. Danach war der Zuwachs bei den ambulanten Hilfen nicht mehr so stark ausgeprägt. In letzter Zeit haben dagegen vor allem Fremdunterbringungen zugenommen (vgl. Abb. 2.3):

  • Die Zahl der Hilfen zur Erziehung hat sich zwischen 2000 und 2017 um 54% bzw. 54 Indexpunkte erhöht. Der Anstieg ist in dieser Dekade vor allem zwischen 2005 und 2010 mit einem Plus von 24 Indexpunkten auszumachen.
  • Mit Blick auf die einzelnen Leistungssegmente wird zwischen 2000 und 2010 vor allem der Zuwachs an ambulanten Hilfen deutlich, die sich mehr als verdoppelt haben. Das bedeutet eine Zunahme um 105 Indexpunkte. Vor allem zwischen 2005 und 2010 ist ein besonders deutlicher Anstieg auszumachen (75 Indexpunkte).
  • Fremdunterbringungen sind bis 2005 relativ konstant geblieben bzw. sogar leicht zurückgegangen. Zwischen 2000 und 2010 hat sich der Indexwert mit Basis 2000 um 10 Punkte auf 110 erhöht. In den letzten Jahren ist ein Anstieg der Fremdunterbringungen erkennbar. Zwischen 2010 und 2017 macht dieser 47 Indexpunkte aus. Trotz der Steuerungsstrategien der Jugendämter Anfang der 2000er-Jahre ist die Fremdunterbringung im Kontext der erzieherischen Hilfen in den letzten Jahren wieder angestiegen, wenngleich die jüngsten Zunahmen auf die gestiegene Zahl an unbegleiteten ausländischen Minderjährigen (UMA) vor allem in den Jahren 2015 und 2016 zurückzuführen sind. Die Unterbringung sowie die Betreuung und Förderung dieser jungen Menschen kann aufgrund ihrer Lebenssituation nur in stationären Settings der Kinder- und Jugendhilfe organisiert werden. Aktuell deutet sich hier allerdings vor dem Hintergrund sinkender Zahlen von UMA-Fällen eine Trendwende an.5
  • Der mit Abstand größte Leistungsbereich im Rahmen der erzieherischen Hilfen, die Erziehungsberatung, weist mit Blick auf den betrachteten Erhebungszeitraum zwischen 2000 und 2017 ein Plus von 12 Indexpunkten aus. Dieser Anstieg hat sich zwischen 2000 und 2005 vollzogen, während seitdem eine eher schwankende Entwicklung auszumachen ist.
ABB. 2.3:

Veränderung der Inanspruchnahme erzieherischer Hilfen gem. §§ 28-35 SGB VIII (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) nach Leistungssegmenten (Deutschland; 2000 bis 2017; Aufsummierung der zum 31.12. eines Jahres andauernden und der innerhalb eines Jahres beendeten Leistungen; Indexentwicklung 2000 = 100)1, 2

1) Die Werte basieren auf der Anzahl der jungen Menschen, die durch eine Leistung der Hilfen zur Erziehung erreicht werden, und nicht auf der Anzahl der Hilfen. Dies betrifft die Sozialpädagogische Familienhilfe (§ 31 SGB VIII). In der amtlichen Statistik werden für die Hilfen gem. § 31 SGB VIII sowohl die Anzahl der Hilfen als auch die durch die SPFH erreichten jungen Menschen erfasst. Berücksichtigt werden hier die unter 18-Jährigen, weil vor der Modifizierung der Statistik im Jahr 2007 lediglich die unter 18-Jährigen bei dieser Hilfeart erfasst worden sind.
2) Bei der Erziehungsberatung werden lediglich die beendeten Hilfen berücksichtigt. Erst seit 2007 werden bei den Hilfen gem. § 28 SGB VIII auch die zum 31.12. eines Jahres andauernden Hilfen erfasst. Im Sinne der Vergleichbarkeit werden für 2010 und 2017 ebenfalls nur die beendeten Hilfen aufgeführt. Aus demselben Grund werden die Hilfen gem. § 27 SGB VIII (ohne Verbindung zu Hilfen gem. §§ 28-35 SGB VIII), die sogenannten „27,2er-Hilfen“, für das Jahr 2010 und 2017 nicht mitberücksichtigt; auch diese werden erst seit 2007 erfasst. Die Zahl der jungen Menschen mit einer „27,2er-Hilfe“ beträgt im Jahr 2017 75.510.
Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige; versch. Jahrgänge; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

2.1.1 Die Verteilung der Hilfearten im Angebotsspektrum der Hilfen zur Erziehung

Das Arbeitsfeld der Hilfen zur Erziehung zeichnet sich durch ein breites Spektrum an beratenden, erziehenden und betreuenden Angeboten aus. Die Ausdifferenzierung der verschiedenen Angebote war Teil der damaligen zentralen Neuerungen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes vor mehr als 25 Jahren. In der Folge sind die Hilfezahlen seit Anfang der 1990er-Jahre gestiegen und die rechtlich kodifizierten Leistungen haben sich in den lokalen Hilfesystemen etabliert. Die aktuelle Verteilung der Hilfearten verdeutlicht das heterogene Leistungsspektrum der Hilfen zur Erziehung, welches sich in den letzten Jahren  nicht wesentlich verändert hat (vgl. Abb. 2.4):

  • Die aktuelle prozentuale Verteilung der Hilfearten verweist auf die quantitative Bedeutung der Erziehungsberatung, die mit einem Anteil von 41% den Großteil aller erzieherischen Hilfen ausmacht.
  • Mit Blick auf die ambulanten Hilfen zeigt sich das erhebliche Gewicht der Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH). Aktuell werden rund 21% der jungen Menschen in den Hilfen zur Erziehung von dieser familienorientierten Leistung erreicht. Mit deutlichem Abstand folgen mit rund 6% die ambulanten „27,2er-Hilfen“ sowie Erziehungsbeistandschaften, die rund 5% aller erzieherischen Hilfen ausmachen. Demgegenüber nehmen Soziale Gruppenarbeit, Betreuungshilfen, Erziehung in einer Tagesgruppe sowie Intensive Sozialpädagogische Einzelbetreuung (ISE) mit anteiligen Werten, die zwischen 1% und 2% liegen, eine vergleichsweise geringe Größe im ambulanten Leistungssegment ein.
  • Etwa 22% der jungen Menschen in den Hilfen zur Erziehung lebten 2017 im Rahmen einer Fremdunterbringung in einem stationären Setting oder in einer Pflegefamilie. Zahlenmäßig verteilen sich die Fremdunterbringungen bezogen auf alle Hilfen ohne die Beratungsleistungen zu 13% auf die Heimerziehung und zu 8% auf die Vollzeitpflege. Der Anteil der Heimerziehung ist in den letzten Jahren tendenziell gestiegen. Einen geringen Anteil von unter 1% nehmen stationäre „27,2er-Hilfen“ ein.
Abb. 2.4:

Junge Menschen in den Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) nach Hilfearten (Deutschland; 2017; Aufsummierung der zum 31.12. eines Jahres andauernden und der innerhalb eines Jahres beendeten Leistungen; Angaben in %)

* Einschließlich der sonstigen Hilfen
Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige 2017; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

2.1.2 Die Inanspruchnahme nach Ländern

Mittels der Datengrundlage der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik lassen sich auch Differenzen auf der Ebene der west- und ostdeutschen Landesteile sowie der Bundesländer abbilden. Dabei ist Folgendes für die Leistungssegmente zu konstatieren (vgl. Abb. 2.5):

  • Erziehungsberatungen: Die bundesweite Verteilung der Leistungssegmente, bei denen Erziehungsberatungen einen großen Anteil an den Hilfen zur Erziehung ausmachen (vgl. Abb. 2.2; Abb. 2.5), gilt tendenziell auch für West- und Ostdeutschland. Mit Blick auf die Bundesländer zeigt sich allerdings eine enorme Spannweite der Inanspruchnahme von Beratungsleistungen. In den westdeutschen Flächenländern reicht diese von 175 pro 10.000 der unter 21-Jährigen im Saarland bis hin zu 407 pro 10.000 der genannten Altersgruppe in Schleswig-Holstein. Das ist gleichzeitig der höchste Wert aller Bundesländer. Auch die ostdeutschen Bundesländer weisen eine erheblich unterschiedliche Inanspruchnahme der Erziehungsberatung von 155 pro 10.000 der unter 21-Jährigen in Mecklenburg-Vorpommern bis hin zu 353 in Thüringen und Sachsen auf. In den Stadtstaaten reicht die Spannweite von 160 pro 10.000 unter 21-Jährige in Bremen bis hin zu 324 in Berlin.
  • Ambulante Hilfen: In allen Bundesländern werden mehr ambulante Leistungen als Fremdunterbringungen in Anspruch genommen. In den westdeutschen Flächenländern reicht die Spannweite der ambulanten Leistungen von 163 pro 10.000 der unter 21-Jährigen in Bayern bis hin zu 330 im Saarland. Auch zeigen sich Differenzen im Verhältnis von Fremdunterbringungen und ambulanten Hilfen, das einerseits in Hessen bei 1 zu 1,4 und andererseits in Baden-Württemberg bei 1 zu 2,1 liegt. Unter den Stadtstaaten weist Hamburg mit 447 pro 10.000 der jungen Menschen unter 21 Jahren den höchsten Wert mit Blick auf die Inanspruchnahme von ambulanten Hilfen auf. In Ostdeutschland reicht die Spannweite der Hilfegewährung ambulanter Hilfen bevölkerungsbezogen von 200 pro 10.000 der unter 21-Jährigen in Thüringen bis hin zu 465 in Mecklenburg-Vorpommern.
  • Fremdunterbringungen: Eine vergleichsweise eher geringe Inanspruchnahme von Fremdunterbringungen ist in den westdeutschen Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg (99 bzw. 110 pro 10.000 unter 21-Jährige) festzustellen. Demgegenüber ist im Saarland (213), aber auch im Stadtstaat Bremen (352) eine höhere Inanspruchnahme der kostenintensiven Fremdunterbringung zu ermitteln, was auf eine höhere Problembelastung der Regionen verweist. Darüber hinaus sind hier tendenziell auch beträchtlichere Werte an ambulanten Leistungen zu identifizieren und damit ein insgesamt höheres Volumen an erzieherischen Hilfen.
    ABB. 2.5:

    Junge Menschen in den Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) (Länder; 2017; Aufsummierung der zum 31.12. eines Jahres andauernden und der innerhalb eines Jahres beendeten Leistungen; Angaben absolut, Inanspruchnahme pro 10.000 der unter 21-Jährigen)

    Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige; 2017; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

    2.1.3 Zusammenfassung

    Mehr als 1 Million Mal zählen die Jugendämter und Erziehungsberatungsstellen pro Jahr einen Fall der Hilfen zur Erziehung. In jedem einzelnen Fall sind die jeweiligen Hilfen eine Reaktion des Hilfesystems auf soziale Benachteiligungen bzw. individuelle Beeinträchtigungen von Kindern, Jugendlichen und jungen Volljährigen, die dazu führen, dass Teilhabe – oder konkreter: eine dem Wohl des Kindes entsprechende Erziehung – bei den einzelnen jungen Menschen nicht mehr gewährleistet ist. Damit erfüllt die Kinder- und Jugendhilfe einen wichtigen Teil ihres vom Gesetzgeber vor fast 30 Jahren rechtlich vorgeschriebenen Handlungsauftrags.

    Nicht alle Veränderungen in dem Arbeitsfeld sind dabei auf mittelbare oder unmittelbare Auswirkungen des SGB VIII zurückzuführen. So prägten rückblickend diverse Fachdiskurse dieses Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe – allen voran die Kinderschutzdebatte Mitte der 2000er-Jahre sowie die Diskussion um die Weiterentwicklung und eine zielgenauere Steuerung der erzieherischen Hilfen ab 2011.6 Auch gesellschaftliche Anforderungen haben in den Erziehungshilfen ihre Spuren hinterlassen, wie jüngst der kurzfristig stark ansteigende Bedarf junger Menschen, die unbegleitet nach Deutschland eingereist sind. Die erzieherischen Hilfen haben sich infolgedessen insbesondere auch aufgrund des individuellen Rechtsanspruchs als eine wichtige Hilfe für junge Menschen und ihre Familien in prekären Situationen etabliert. Seit Ende 2018 stehen die Hilfen zur Erziehung, aber auch die Hilfen für junge Volljährige im Rahmen des Dialogprozesses zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe mit den Themenschwerpunkten Kinderschutz, Inklusion, Fremdunterbringung und Sozialraumorientierung erneut im Vordergrund der Fachdebatte. 7

    In den letzten Jahren, zwischen 2014 und 2016, zeichnete sich die Inanspruchnahmeentwicklung durch steigende Fallzahlen insbesondere in der Heimerziehung aus – ein Effekt, der vor allem auf die gestiegenen Zahlen bei den unbegleiteten ausländischen Minderjährigen zurückzuführen ist. 8 So waren die Hilfen zur Erziehung vor allem in den Jahren 2015 und 2016 mit den Herausforderungen der deutlich gestiegenen Adressatenzahl von Jugendlichen, die aus dem Ausland unbegleitet nach Deutschland eingereist waren, befasst. Das galt insbesondere für den stationären Bereich. Neuere Entwicklungen verweisen auf einen Rückgang der Fremdunterbringungen im Lichte der wieder deutlich zurückgegangenen Zahlen bei den unbegleiteten Einreisen, mit der Herausforderung für die Träger, die zusätzlich geschaffenen Kapazitäten und Ressourcen in Anbetracht des Fallzahlenrückgangs umzuwandeln oder auch wieder rückzubauen. 9

    Angesichts der Dynamik im Arbeitsfeld ist ein differenzierter und regelmäßiger Blick auf die Datengrundlage zur Beobachtung der aktuellen Entwicklungen von zentraler Bedeutung. Dies gilt umso mehr, als dass derzeit allein die weitere Fallzahlen- und Inanspruchnahmeentwicklung nach den erheblichen Zuwächsen in den letzten Jahren, aber auch den zuletzt deutlich zurückgegangenen Geflüchtetenzahlen als offen bezeichnet werden kann. Ungeachtet jedoch der in den nächsten Jahren zu erwartenden Inanspruchnahmequoten werden auch in den nächsten Jahren die Hilfen zur Erziehung eine wichtige Unterstützungsleistung für junge Menschen und deren Familien sein. So sind schon nach Einschätzungen der Sachverständigenkommission zum 14. Kinder- und Jugendbericht an den Entwicklungen im Arbeitsfeld der Hilfen zur Erziehung eindrücklich die „Verschiebungen zwischen privater und öffentlicher Verantwortung im Aufwachsen von jungen Menschen in Deutschland“10zu beobachten. Der Auftrag der Hilfen zur Erziehung ist in diesem Zusammenhang umfassend, wie zuletzt die Sachverständigenkommission zum 15. Kinder- und Jugendbericht noch einmal in Erinnerung ruft: „Hilfen zur Erziehung (…) sollen für junge Menschen sozialpädagogische Umgebungen gestalten, die keine ausreichende soziale, emotionale und materielle Unterstützung erfahren, die in ihren persönlichen Rechten verletzt, Machtmissbrauch oder Gewalt erfahren haben, diskriminiert oder ausgegrenzt worden sind.“11

    Literatur:

    Deutscher Bundestag (Hrsg.): 14. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland, Berlin 2013.

    Deutscher Bundestag (Hrsg.): Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinderund Jugendhilfe in Deutschland – 15. Kinder- und Jugendbericht. Unterrichtung durch die Bundesregierung und Stellungnahme der Bundesregierung, Berlin 2017.

    Fendrich, S./Tabel, A.: Rückgang bei neu begonnenen Fremdunterbringungen, in: KomDat Jugendhilfe, 2018, Heft 3, S. 16-19.

    Fendrich, S./Tabel, A.: Hilfen zur Erziehung (§§ 27 bis 35, 41 SGB VIII), in: Autorengruppe Kinder- und Jugendhilfestatistik: Kinder- und Jugendhilfereport 2018. Eine kennzahlenbasierte Analyse, Opladen 2019 (im Erscheinen).

    Fendrich, S./Pothmann, J./Tabel, A.: Monitor Hilfen zur Erziehung 2018, Dortmund 2018.

    Kiepe, E./Pothmann, J.: Unbegleitete Minderjährige in vorläufiger und regulärer Inobhutnahme, in: KomDat Jugendhilfe, 2018, Heft 2, S. 15-19.

    Kopp, K./Pothmann, J.: Unbegleitete ausländische Minderjährige im Spiegel von Asyl- und Jugendhilfestatistik, in: KomDat Jugendhilfe, 2016, Heft 3, S. 13-17.

    Mühlmann, T.: Inobhutnahmen ohne unbegleitete ausländische Minderjährige bleiben auf hohem Niveau, in: KomDat Jugendhilfe, 2018, Heft 2, S. 10-14.

    Pothmann, J./Tabel, A.: Expansion und Ausdifferenzierung stationärer Settings der Kinder- und Jugendhilfe, in: KomDat Jugendhilfe, 2018, Heft 3, S. 19-23.

    Wiesner, R.: Reform oder Rolle rückwärts? Zu den Ankündigungen des BMFSFJ hinsichtlich der Weiterentwicklung des Kinder- und Jugendhilferechts. Vortrag im Rahmen der Veranstaltung „Vom Kind aus denken?! Inklusives SGB VIII“ am 14.06.2016 in Frankfurt a.M.

    1. Wenn hier und im Folgenden von den Hilfen zur Erziehung, den einzelnen Leistungssegmenten und den Hilfearten insgesamt die Rede ist, werden die Hilfen für junge Volljährige immer mitberücksichtigt – wohlwissend, dass rechtssystematisch zwischen den beiden Leistungen im SGB VIII aus guten Gründen differenziert wird. „Hilfen zur Erziehung“ stellen hier allerdings keine juristische Kategorie dar, sondern bezeichnen ein Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe, zu dem verschiedene einzelfallbezogene Leistungen gehören. Die aktuellsten Daten zu den Hilfen zur Erziehung in der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik beziehen sich auf das Jahr 2017.
    2. Vgl. Fendrich/Pothmann/Tabel 2018, S. 59ff.
    3. Vgl. Fendrich/Tabel 2018
    4. Kiepe/Pothmann 2018; Mühlmann 2018
    5. Vgl. Fendrich/Tabel 2018
    6. Vgl. u.a. Wiesner 2016
    7. Vgl. Fendrich/Tabel 2019
    8. Vgl. Kopp/Pothmann 2016; Kiepe/Pothmann 2018
    9. Vgl. Pothmann/Tabel 2018
    10. Deutscher Bundestag 2013, S. 336
    11. Deutscher Bundestag 2017, S. 434