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2. Inanspruchnahme und Adressat(inn)en der erzieherischen Hilfen

2.1 Mehr Hilfen zur Erziehung im Jahr 2018 – 1.145.991 junge Menschen und ihre Familien erhielten Leistungen

Ende Oktober 2019 hat das Statistische Bundesamt die Daten zu den Hilfen zur Erziehung1 2018 veröffentlicht. Mit einer Zahl von 1.145.991 jungen Menschen, die 2018 eine Hilfe zur Erziehung in Anspruch genommen haben, sind 27.644 Leistungen mehr als im Vorjahr gezählt worden (+2%). Einmal mehr wurde damit ein neuer Höchststand erreicht (vgl. Abb. 2.1). Seit 2010 steigt die Zahl der jungen Menschen in den Hilfen zur Erziehung – bis 2018 kontinuierlich um zuletzt 16%. Ohne Erziehungsberatungen, die fast die Hälfte aller erzieherischen Hilfen ausmachen, wurden 2018 seitens der Jugendämter noch 679.953 junge Menschen gezählt, die von einer erzieherischen Hilfe erreicht wurden. Das sind 3% mehr als im Vorjahr.

Der 2018 weiterhin anhaltende Fallzahlenanstieg zeichnet sich dadurch aus, dass diese Entwicklung vor allem auf die beendeten Hilfen zurückzuführen ist. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Leistungen, die über den ASD organisiert wurden. Auffällig ist, dass die innerhalb eines Jahres beendeten Hilfen nun schon das zweite Jahr hintereinander jeweils deutlicher gestiegen sind als die neu begonnenen Hilfen – zwischen 2017 und 2018 immerhin 6 Mal stärker.2

ABB. 2.1:

Junge Menschen in den Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) (Deutschland; 2010 bis 2018; Aufsummierung der zum 31.12. eines Jahres andauernden und der innerhalb eines Jahres beendeten Leistungen; Angaben absolut, Inanspruchnahme pro 10.000 der unter 21-Jährigen)

Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige; versch. Jahrgänge; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Mehr familienunterstützende Leistungen, Fremdunterbringungen wieder rückläufig

Bei der Verteilung der Leistungssegmente im Jahr 2018 nimmt die Erziehungsberatung gem. § 28 SGB VIII mit 466.038 Hilfen den größten Anteil ein (41%). Die Zahl der Beratungen lag, wie in den letzten Jahren, jeweils über dem Wert für die weiteren ambulanten Leistungen sowie der Anzahl an Fremdunterbringungen (vgl. Abb. 2.2). Gegenüber 2017 haben Erziehungsberatungen geringfügig zugenommen, und zwar um 6.818 Beratungen (+1%).

In den über die Allgemeinen Sozialen Dienste organisierten ambulanten Hilfen (§ 27 in Verbindung mit §§ 29-32, 35 SGB VIII inklusive der  „27,2er-Hilfen – ambulant“ sowie einschließlich der entsprechenden Hilfen für junge Volljährige gem. § 41 SGB VIII) und den Fremdunterbringungen (§ 27 in Verbindung mit §§ 33, 34 SGB VIII inklusive der „27,2er-Hilfen – stationär“ sowie einschließlich der Hilfen für junge Volljährige gem. § 41 SGB VIII) wurden 2018 fast 680.000 junge Menschen gezählt, 20.826 mehr als 2017 (+3%). Die Entwicklungen in den Leistungssegmenten sind unterschiedlich: Im Jahr 2018 nahmen 6% mehr Kinder und Jugendliche und deren Familien bzw. junge Volljährige ambulante Hilfen in Anspruch. Mit Ausnahme der intensiven sozialpädagogischen Einzelbetreuung gem. § 35 SGB VIII sind bei allen Hilfearten Zuwächse festzustellen.

Demgegenüber wurden im Rahmen von Fremdunterbringungen 2% weniger junge Menschen in den Hilfen gezählt. Damit sind erstmals seit 2010 leicht rückläufige Fallzahlen in diesem Leistungssegment zu beobachten. Bereits zwischen 2016 und 2017 hatte die Wachstumsdynamik mit einem Plus von +4% gegenüber der Entwicklung 2015/16 (+11%) deutlich nachgelassen. Hilfeartspezifisch geht der aktuelle Rückgang auf gesunkene Zahlen in der Heimerziehung zurück, während sich bei den Hilfen der Vollzeitpflege keine Veränderungen zeigen. Der aktuelle Rückgang steht genauso wie der starke Zuwachs im stationären Bereich zwischen 2015 und 2016 in einem Zusammenhang mit den vor einigen Jahren gestiegenen und zuletzt wieder rückläufigen Zahlen bei den unbegleiteten Einreisen von ausländischen Minderjährigen.

Die über den ASD organisierten ambulanten Hilfen und Fremdunterbringungen sind 2018 mit einem Anteil von insgesamt 59% gegenüber der Erziehungsberatung im Leistungsbereich der Hilfen zur Erziehung vertreten, wobei es mehr ambulante Hilfen (38%) als Fremdunterbringungen (21%) gibt. Das macht sich auch bei der Inanspruchnahme der Leistungen bemerkbar. 2018 nahmen 271 pro 10.000 der unter 21-Jährigen eine ambulante Maßnahme in Anspruch. Bei den Fremdunterbringungen sind es mit 149 jungen Menschen pro 10.000 derselben Altersgruppe deutlich weniger. Die bevölkerungsbezogene Inanspruchnahme ambulanter Leistungen ist im Vergleich zum Jahr 2017 um 15 Punkte gestiegen; das ist der höchste jährliche Zuwachs seit 2010.

ABB. 2.2:

Junge Menschen in den Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) nach Leistungssegmenten (Deutschland; 2010 bis 2018; Aufsummierung der zum 31.12. eines Jahres andauernden und der innerhalb eines Jahres beendeten Leistungen; Angaben absolut, Inanspruchnahme pro 10.000 der unter 21-Jährigen)

Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige; versch. Jahrgänge; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Die bundesweite Entwicklung der erzieherischen Hilfen seit Beginn der 2000er-Jahre ist durch einen kontinuierlichen Zuwachs im ambulanten Leistungsfeld gekennzeichnet. Zumindest bis 2010 war ein Fortschreiten dieses Trends auszumachen. Danach war der Zuwachs bei den ambulanten Hilfen nicht mehr so stark ausgeprägt. Zwischen 2014 und 2016 haben dagegen vor allem Fremdunterbringungen zugenommen (vgl. Abb. 2.3):

  • Die Zahl der Hilfen zur Erziehung hat sich zwischen 2000 und 2018 um 57% bzw. 57 Indexpunkte erhöht. Der Anstieg ist in dieser Dekade vor allem zwischen 2005 und 2010 mit einem Plus von 24 Indexpunkten auszumachen.
  • Mit Blick auf die einzelnen Leistungssegmente wird zwischen 2000 und 2010 vor allem der Zuwachs an ambulanten Hilfen deutlich, die sich mehr als verdoppelt haben. Das bedeutet eine Zunahme um 105 Indexpunkte. Vor allem zwischen 2005 und 2010 ist ein besonders deutlicher Anstieg auszumachen (75 Indexpunkte).
  • Fremdunterbringungen sind bis 2005 relativ konstant geblieben bzw. sogar leicht zurückgegangen. Zwischen 2000 und 2010 hat sich der Indexwert mit dem Basisjahr 2000 um 10 Punkte auf 110 erhöht. In den letzten Jahren ist ein Anstieg der Fremdunterbringungen erkennbar. Zwischen 2010 und 2018 machte dieser 43 Indexpunkte aus. Trotz der Steuerungsstrategien der Jugendämter Anfang der 2000er-Jahre ist die Fremdunterbringung im Kontext der erzieherischen Hilfen in den letzten Jahren wieder angestiegen, wenngleich die jüngsten Zunahmen auf die gestiegene Zahl an unbegleiteten ausländischen Minderjährigen (UMA) vor allem in den Jahren 2015 und 2016 zurückzuführen sind. Die Unterbringung sowie die Betreuung und Förderung dieser jungen Menschen kann aufgrund ihrer Lebenssituation vor allem in stationären Settings der Kinder- und Jugendhilfe organisiert werden. Aktuell deutet sich hier allerdings vor dem Hintergrund sinkender Zahlen von UMA-Fällen eine Trendwende an.5
  • Der mit Abstand größte Leistungsbereich im Rahmen der erzieherischen Hilfen, die Erziehungsberatung, weist mit Blick auf den betrachteten Erhebungszeitraum zwischen 2000 und 2018 ein Plus von 14 Indexpunkten aus. Dieser Anstieg hat sich zwischen 2000 und 2005 vollzogen, während seitdem eine eher schwankende Entwicklung auszumachen ist.
ABB. 2.3:

Veränderung der Inanspruchnahme erzieherischer Hilfen gem. §§ 28-35 SGB VIII (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) nach Leistungssegmenten (Deutschland; 2000 bis 2018; Aufsummierung der zum 31.12. eines Jahres andauernden und der innerhalb eines Jahres beendeten Leistungen; Indexentwicklung 2000 = 100)1, 2

1) Die Werte basieren auf der Anzahl der jungen Menschen, die durch eine Leistung der Hilfen zur Erziehung erreicht werden, und nicht auf der Anzahl der Hilfen. Dies betrifft die Sozialpädagogische Familienhilfe (§ 31 SGB VIII). In der amtlichen Statistik werden für die Hilfen gem. § 31 SGB VIII sowohl die Anzahl der Hilfen als auch die durch die SPFH erreichten jungen Menschen erfasst. Berücksichtigt werden hier die unter 18-Jährigen, weil vor der Modifizierung der Statistik im Jahr 2007 lediglich die unter 18-Jährigen bei dieser Hilfeart erfasst worden sind.
2) Bei der Erziehungsberatung werden lediglich die beendeten Hilfen berücksichtigt. Erst seit 2007 werden bei den Hilfen gem. § 28 SGB VIII auch die zum 31.12. eines Jahres andauernden Hilfen erfasst. Im Sinne der Vergleichbarkeit werden für 2010, 2015 und 2018 ebenfalls nur die beendeten Hilfen aufgeführt. Aus demselben Grund werden die Hilfen gem. § 27 SGB VIII (ohne Verbindung zu Hilfen gem. §§ 28-35 SGB VIII), die sogenannten „27,2er-Hilfen“, für diese Jahre nicht mitberücksichtigt; auch sie werden erst seit 2007 erfasst. Die Zahl der jungen Menschen mit einer „27,2er-Hilfe“ beträgt im Jahr 2018 80.796.
Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige; versch. Jahrgänge; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

2.1.1 Die Verteilung der Hilfearten im Angebotsspektrum der Hilfen zur Erziehung

Das Arbeitsfeld der Hilfen zur Erziehung zeichnet sich durch ein breites Spektrum an beratenden, erziehenden und betreuenden Angeboten aus. Die Ausdifferenzierung der verschiedenen Angebote war Teil der damaligen zentralen Neuerungen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes vor etwa 30 Jahren. In der Folge sind die Hilfezahlen seit Anfang der 1990er-Jahre gestiegen und die rechtlich kodifizierten Leistungen haben sich in den lokalen Hilfesystemen etabliert. Die aktuelle Verteilung der Hilfearten verdeutlicht das heterogene Leistungsspektrum der Hilfen zur Erziehung, welches sich in den letzten Jahren  nicht wesentlich verändert hat (vgl. Abb. 2.4):

  • Die aktuelle prozentuale Verteilung der Hilfearten verweist auf die quantitative Bedeutung der Erziehungsberatung, die mit einem Anteil von 41% den Großteil aller erzieherischen Hilfen ausmacht.
  • Mit Blick auf die ambulanten Hilfen zeigt sich das erhebliche Gewicht der Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH). Aktuell werden rund 21% der jungen Menschen in den Hilfen zur Erziehung von dieser familienorientierten Leistung erreicht. Mit deutlichem Abstand folgen mit rund 7% die ambulanten „27,2er-Hilfen“ sowie Erziehungsbeistandschaften, die 5% aller erzieherischen Hilfen ausmachen. Demgegenüber nehmen soziale Gruppenarbeit, Betreuungshilfen, Erziehung in einer Tagesgruppe sowie intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung (ISE) mit anteiligen Werten, die zwischen 1% und 2% liegen, eine vergleichsweise geringe Größe im ambulanten Leistungssegment ein.
  • Etwa 21% der jungen Menschen in den Hilfen zur Erziehung lebten 2018 im Rahmen einer Fremdunterbringung in einem stationären Setting oder in einer Pflegefamilie. Zahlenmäßig verteilen sich die Fremdunterbringungen bezogen auf alle Hilfen ohne die Beratungsleistungen zu knapp 13% auf die Heimerziehung und zu 8% auf die Vollzeitpflege. Der Anteil der Heimerziehung ist gegenüber 2017 etwas gesunken. Einen geringen Anteil von unter 1% nehmen stationäre „27,2er-Hilfen“ ein.
Abb. 2.4:

Junge Menschen in den Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) nach Hilfearten (Deutschland; 2018; Aufsummierung der zum 31.12. eines Jahres andauernden und der innerhalb eines Jahres beendeten Leistungen; Angaben in %, N = 1.145.991)

* Einschließlich der sonstigen Hilfen
Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige 2018; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

2.1.2 Die Inanspruchnahme nach Ländern

Mittels der Datengrundlage der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik lassen sich auch Differenzen auf der Ebene der west- und ostdeutschen Landesteile sowie der Bundesländer abbilden. Dabei ist Folgendes für die Leistungssegmente zu konstatieren (vgl. Abb. 2.5):

  • Erziehungsberatungen: Die bundesweite Verteilung der Leistungssegmente, bei denen Erziehungsberatungen einen großen Anteil an den Hilfen zur Erziehung ausmachen (vgl. Abb. 2.2; Abb. 2.5), gilt tendenziell auch für West- und Ostdeutschland. Mit Blick auf die Bundesländer zeigt sich 2017 allerdings eine enorme Spannweite der Inanspruchnahme von Beratungsleistungen. In den westdeutschen Flächenländern reicht diese von 175 pro 10.000 der unter 21-Jährigen im Saarland bis hin zu 407 pro 10.000 der genannten Altersgruppe in Schleswig-Holstein. Das ist gleichzeitig der höchste Wert aller Bundesländer. Auch die ostdeutschen Bundesländer weisen eine erheblich unterschiedliche Inanspruchnahme der Erziehungsberatung von 155 pro 10.000 der unter 21-Jährigen in Mecklenburg-Vorpommern bis hin zu 353 in Thüringen und Sachsen auf. In den Stadtstaaten reicht die Spannweite von 160 pro 10.000 unter 21-Jährige in Bremen bis hin zu 324 in Berlin.
  • Ambulante Hilfen: In allen Bundesländern werden mehr ambulante Leistungen als Fremdunterbringungen in Anspruch genommen. In den westdeutschen Flächenländern reicht die Spannweite der ambulanten Leistungen von 163 pro 10.000 der unter 21-Jährigen in Bayern bis hin zu 330 im Saarland. Auch zeigen sich Differenzen im Verhältnis von Fremdunterbringungen und ambulanten Hilfen, das einerseits in Hessen bei 1 zu 1,4 und andererseits in Baden-Württemberg bei 1 zu 2,1 liegt. Unter den Stadtstaaten weist Hamburg mit 447 pro 10.000 der jungen Menschen unter 21 Jahren den höchsten Wert mit Blick auf die Inanspruchnahme von ambulanten Hilfen auf. In Ostdeutschland reicht die Spannweite der Hilfegewährung ambulanter Hilfen bevölkerungsbezogen von 200 pro 10.000 der unter 21-Jährigen in Thüringen bis hin zu 465 in Mecklenburg-Vorpommern.
  • Fremdunterbringungen: Eine vergleichsweise eher geringe Inanspruchnahme von Fremdunterbringungen ist in den westdeutschen Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg (99 bzw. 110 pro 10.000 unter 21-Jährige) festzustellen. Demgegenüber ist im Saarland (213), aber auch im Stadtstaat Bremen (352) eine höhere Inanspruchnahme der kostenintensiven Fremdunterbringung zu ermitteln, was auf eine höhere Problembelastung der Regionen verweist. Darüber hinaus sind hier tendenziell auch beträchtlichere Werte an ambulanten Leistungen zu identifizieren und damit ein insgesamt höheres Volumen an erzieherischen Hilfen.
    ABB. 2.5:

    Junge Menschen in den Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) (Länder; 2017; Aufsummierung der zum 31.12. eines Jahres andauernden und der innerhalb eines Jahres beendeten Leistungen; Angaben absolut, Inanspruchnahme pro 10.000 der unter 21-Jährigen1)

    1) Für das Jahr 2018 ist eine differenzierte Darstellung der Ergebnisse für die Bundesländer in der hier gewählten Systematik auf der Grundlage der seitens des Statistischen Bundesamtes veröffentlichten Standardtabellen zum Zeitpunkt der Erstellung des Textes nicht möglich. Länderergebnisse in andere Form sind für 2018 in den Standardtabellen enthalten.
    Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige; 2017; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

    2.1.3 Zusammenfassung

    Mehr als 1 Million Mal zählen die Jugendämter und Erziehungsberatungsstellen pro Jahr einen Fall der Hilfen zur Erziehung. In jedem einzelnen Fall sind die jeweiligen Hilfen eine Reaktion des Hilfesystems auf soziale Benachteiligungen bzw. individuelle Beeinträchtigungen von Kindern, Jugendlichen und jungen Volljährigen, die dazu führen, dass Teilhabe – oder konkreter: eine dem Wohl des Kindes entsprechende Erziehung – bei den einzelnen jungen Menschen nicht mehr gewährleistet ist. Damit erfüllt die Kinder- und Jugendhilfe einen wichtigen Teil ihres vom Gesetzgeber vor etwa 30 Jahren rechtlich vorgeschriebenen Handlungsauftrags.

    Nicht alle Veränderungen in dem Arbeitsfeld sind dabei auf mittelbare oder unmittelbare Auswirkungen des SGB VIII zurückzuführen. So prägten rückblickend diverse Fachdiskurse dieses Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe – beispielsweise eine in unterschiedlicher Intensität geführte Kinderschutzdebatte seit Mitte der 2000er-Jahre oder auch die Diskussion um die Weiterentwicklung und eine zielgenauere Steuerung der erzieherischen Hilfen ab 2011, die zuletzt auch wieder im Rahmen eines Modernisierungsdiskurses zur Kinder- und Jugendhilfe und möglichem rechtlichen Änderungsbedarf aufgegriffen wurde.6 Auch gesellschaftliche Anforderungen haben in den Erziehungshilfen ihre Spuren hinterlassen, wie jüngst der kurzfristig stark angestiegene Bedarf an Unterbringung, Versorgung und Betreuung junger Menschen, die unbegleitet nach Deutschland geflüchtet sind. Die erzieherischen Hilfen haben sich infolgedessen insbesondere auch aufgrund des individuellen Rechtsanspruchs als eine wichtige Hilfe für junge Menschen und ihre Familien in prekären Situationen etabliert. Seit Ende 2018 stehen die Hilfen zur Erziehung, aber auch die Hilfen für junge Volljährige im Rahmen des Dialogprozesses zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe mit den Themenschwerpunkten Kinderschutz, Inklusion, Fremdunterbringung und Sozialraumorientierung erneut im Vordergrund der Fachdebatte.7

    Der Zeitraum 2014 bis 2016 war durch steigende Fallzahlen insbesondere in der Heimerziehung geprägt – ein Effekt, der vor allem auf die bereits hingewiesenen gestiegenen Zahlen bei den unbegleiteten ausländischen Minderjährigen zurückzuführen war.8 Entwicklungen der letzten Jahre weisen aber wieder auf einen Rückgang der Fremdunterbringungen vor dem Hintergrund der wieder deutlich zurückgegangenen Zahlen bei den unbegleiteten Einreisen hin. Damit sind insofern Herausforderungen für die Träger verbunden, als dass nunmehr die vor einigen Jahren zusätzlich geschaffenen Kapazitäten und Ressourcen entweder umgewandelt werden müssen oder auch wieder zurückzubauen sind. Gleichzeitig haben sich aber auch die Aufgabenstellungen mit Blick auf die mittlerweile volljährig gewordenen jungen Menschen mit Fluchterfahrung in Richtung Verselbstständigung oder auch Bildung und Teilhabe verschoben. Mit zunehmendem Alter dieser jungen Menschen werden aber auch diese die Kinder- und Jugendhilfe nach und nach verlassen, so dass weitere Fallzahlenrückgänge zumindest für diese Gruppe bevorstehen dürften.9

    Angesichts der anhaltenden Dynamik sowie wechselnder Trends im Arbeitsfeld ist ein differenzierter und regelmäßiger Blick auf die Datengrundlage zur Beobachtung der aktuellen Entwicklungen von zentraler Bedeutung. Dies gilt umso mehr, als dass derzeit allein die weitere Fallzahlen- und Inanspruchnahmeentwicklung nach den erheblichen Zuwächsen in den letzten Jahren, aber auch den zuletzt deutlich zurückgegangenen Fallzahlen für junge Menschen mit Fluchterfahrungen als offen bezeichnet werden kann. Ungeachtet jedoch der in den nächsten Jahren zu erwartenden Inanspruchnahmequoten werden auch in den nächsten Jahren die Hilfen zur Erziehung eine wichtige Unterstützungsleistung für junge Menschen und deren Familien sein. Die Gründe hierfür hat bereits die Sachverständigenkommission zum 14. Kinder- und Jugendbericht herausgearbeitet, in dem sie auch im Zusammenhang mit dem Arbeitsfeld der Hilfen zur Erziehung eindrücklich die „Verschiebungen zwischen privater und öffentlicher Verantwortung im Aufwachsen von jungen Menschen in Deutschland“10 beschrieben hat. Dass der Auftrag der Hilfen zur Erziehung in diesem Zusammenhang umfassend ist, hat auch die Sachverständigenkommission zum 15. Kinder- und Jugendbericht noch einmal in Erinnerung gerufen: „Hilfen zur Erziehung (…) sollen für junge Menschen sozialpädagogische Umgebungen gestalten, die keine ausreichende soziale, emotionale und materielle Unterstützung erfahren, die in ihren persönlichen Rechten verletzt, Machtmissbrauch oder Gewalt erfahren haben, diskriminiert oder ausgegrenzt worden sind.“11

    Literatur:

    [BMFSFJ] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Abschlussbericht Mitreden – Mitgestalten. Die Zukunft der Kinder- und Jugendhilfe (vorläufige Ergebnisse für die Abschlusskonferenz), Berlin 2019.

    Deutscher Bundestag (Hrsg.): 14. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland, Berlin 2013.

    Deutscher Bundestag (Hrsg.): 15. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland, Berlin 2017.

    Fendrich, S./Tabel, A.: Rückgang bei neu begonnenen Fremdunterbringungen, in: KomDat Jugendhilfe, 2018, Heft 3, S. 16-19.

    Fendrich, S./Tabel, A.: Hilfen zur Erziehung (§§ 27 bis 35, 41 SGB VIII), in: Autorengruppe Kinder- und Jugendhilfestatistik: Kinder- und Jugendhilfereport 2018, Eine kennzahlenbasierte Analyse, Opladen 2019a.

    Fendrich, S./Tabel, A.: Hilfen zur Erziehung 2018 – Rückgang der UMA, zunehmende Bedeutung des Kinderschutzes?, in: KomDat Jugendhilfe, 2019b, Heft 3, S. 8-12.

    Fendrich, S./Pothmann, J./Tabel, A.: Monitor Hilfen zur Erziehung 2018, Dortmund 2018.

    Kiepe, E./Pothmann, J.: Unbegleitete Minderjährige in vorläufiger und regulärer Inobhutnahme, in: KomDat Jugendhilfe, 2018, Heft 2, S. 15-19.

    Kopp, K./Pothmann, J.: Unbegleitete ausländische Minderjährige im Spiegel von Asyl- und Jugendhilfestatistik, in: KomDat Jugendhilfe, 2016, Heft 3, S. 13-17.

    Mühlmann, T.: Inobhutnahmen ohne unbegleitete ausländische Minderjährige bleiben auf hohem Niveau, in: KomDat Jugendhilfe, 2018, Heft 2, S. 10-14.

    Pothmann, J./Tabel, A.: Expansion und Ausdifferenzierung stationärer Settings der Kinder- und Jugendhilfe, in: KomDat Jugendhilfe, 2018, Heft 3, S. 19-23.

    Wiesner, R.: Reform oder Rolle rückwärts? Zu den Ankündigungen des BMFSFJ hinsichtlich der Weiterentwicklung des Kinder- und Jugendhilferechts. Vortrag im Rahmen der Veranstaltung „Vom Kind aus denken?! Inklusives SGB VIII“ am 14.06.2016 in Frankfurt a.M.

    1. Wenn hier und im Folgenden von den Hilfen zur Erziehung, den einzelnen Leistungssegmenten und den Hilfearten insgesamt die Rede ist, werden die Hilfen für junge Volljährige immer mitberücksichtigt – wohlwissend, dass rechtssystematisch zwischen den beiden Leistungen im SGB VIII aus guten Gründen differenziert wird. „Hilfen zur Erziehung“ stellen hier allerdings keine juristische Kategorie dar, sondern bezeichnen ein Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe, zu dem verschiedene einzelfallbezogene Leistungen gehören. Die aktuellsten Daten zu den Hilfen zur Erziehung in der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik beziehen sich auf das Jahr 2018.
    2. Vgl. Fendrich/Tabel 2019b
    3. Vgl. Fendrich/Tabel 2018
    4. Vgl. Kiepe/Pothmann 2018; Mühlmann 2018
    5. Vgl. Fendrich/Tabel 2018a
    6. Vgl. u.a. Wiesner 2016; BMFSFJ 2019
    7. Vgl. BMFSFJ 2019; Fendrich/Tabel 2019a
    8. Vgl. Kopp/Pothmann 2016; Kiepe/Pothmann 2018
    9. Vgl. Pothmann/Tabel 2018; Fendrich/Tabel 2019b
    10. Deutscher Bundestag 2013, S. 336
    11. Deutscher Bundestag 2017, S. 434