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1. Ergebnisse im Überblick

Hilfen zur Erziehung auf einen Blick

Gesamtvolumen der Fallzahlen (Hilfen zur Erziehung + Hilfen für junge Volljährige, 2018):
Fallzahlen (Bestand am 31.12. + beendete Hilfen):1.003.117
Anzahl junger Menschen (Bestand am 31.12. + beendete Hilfen):1.145.991
Bevölkerungsbezogene Inanspruchnahme (Fallzahlen):620 pro 10.000 unter 21-Jährige
Bevölkerungsbezogene Inanspruchnahme (Anzahl junger Menschen):708 pro 10.000 unter 21-Jährige
Ausgaben für Einrichtungen und Leistungen (Hilfen zur Erziehung + Hilfen für junge Volljährige, 2018):
Ausgaben in 1.000 Euro:10.730.189
Ausgaben pro unter 21-Jährigen:663 EUR
Eckwerte (2018):
Durchschnittsalter der jungen Menschen bei Hilfebeginn:10,0 Jahre
Anteil der Alleinerziehendenfamilien bei Hilfebeginn:40,5%
Anteil der Transferleistungen beziehenden Familien bei Hilfebeginn:30,9%
Anteil der jungen Menschen in Familien, in denen zu Hause nicht Deutsch gesprochen wird, bei Hilfebeginn:17,5%
Durchschnittliche Dauer der beendeten Hilfen:10 Monate
Anteil der beendeten Hilfen gemäß Hilfeplan (ohne Zuständigkeitswechsel der Jugendämter):66,3%
Personalsituation (2018):
Tätige Personen:109.207
Vollzeitäquivalente1:80.212
Anteil der unter 45-jährigen Beschäftigten:62,7%
Professionalisierungsquote2:37,9%
Anteil der Vollzeit tätigen Personen:49,9%

Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige 2018; Ausgaben und Einnahmen 2018; Einrichtungen und tätige Personen 2018; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

  1. Rechnerische Vollzeitstellen
  2. Anteil der Akademiker/-innen mit einem (sozial-)pädagogischen (Fach-)Hochschulabschluss 

Erneut mehr junge Menschen in den Hilfen zur Erziehung – geringere Steigerung gegenüber den Vorjahren

Ende Oktober 2019 hat das Statistische Bundesamt die Daten zu den Hilfen zur Erziehung 2018 veröffentlicht. Mit einer Zahl von 1.145.991 jungen Menschen, die 2018 eine Hilfe zur Erziehung in Anspruch genommen haben, sind 27.644 Leistungen mehr als im Vorjahr gezählt worden (+2%). Einmal mehr wurde damit ein neuer Höchststand erreicht (vgl. Abb. 2.1). Seit 2010 steigt die Zahl der jungen Menschen in den Hilfen zur Erziehung zwar kontinuierlich – zwischen 2014 und 2016 hat die Wachstumsdynamik besonders im Zuge eines zusätzlichen Unterstützungsbedarfs für die Gruppe der unbegleiteten ausländischen Minderjährigen zugenommen –, aber zwischen 2017 und 2018 hat diese nun wieder nachgelassen.

Hinter dem Anstieg der Hilfen zur Erziehung insgesamt – jeweils inklusive der Hilfen für junge Volljährige – stehen unterschiedliche Entwicklungen in den Leistungssegmenten: Erziehungsberatungen, die 2018 41% aller Hilfen zur Erziehung ausmachen, haben gegenüber dem Vorjahr geringfügig zugenommen, und zwar um 6.818 Beratungen (+1%).

Über die Allgemeinen Sozialen Dienste organisierten ambulanten Hilfen (§§ 27/41 in Verbindung mit §§ 29-32, 35 SGB VIII inklusive der „27,2er-Hilfen – ambulant“) und den Fremdunterbringungen (§§ 27/41 in Verbindung mit §§ 33, 34 SGB VIII inklusive der „27,2er-Hilfen – stationär“) wurden 2018 fast 680.000 junge Menschen gezählt, 20.826 mehr als 2017 (+3%). Die Entwicklungen in den Leistungssegmenten sind unterschiedlich: Im Jahr 2018 nahmen 6% mehr junge Menschen ambulante Hilfen in Anspruch. Mit Ausnahme der intensiven sozialpädagogischen Einzelbetreuung gem. § 35 SGB VIII sind bei allen Hilfearten Zuwächse festzustellen. Demgegenüber wurden im Rahmen von Fremdunterbringungen 2% weniger junge Menschen in den Hilfen gezählt. Damit sind erstmals seit 2010 leicht rückläufige Fallzahlen in diesem Leistungssegment zu beobachten. Hilfeartspezifisch geht der aktuelle Rückgang auf gesunkene Zahlen in der Heimerziehung zurück, während sich bei den Vollzeitpflegehilfen keine Veränderung zeigen. Der aktuelle Rückgang steht genauso wie der starke Zuwachs im stationären Bereich zwischen 2015 und 2016 in einem Zusammenhang mit den vor einigen Jahren gestiegenen und zuletzt wieder rückläufigen Zahlen bei den unbegleiteten Einreisen von ausländischen Minderjährigen.

Ausgaben von 10,73 Mrd. EUR für Hilfen zur Erziehung – geringerer Zuwachs zwischen 2017 und 2018

Parallel zum Anstieg der Inanspruchnahme erzieherischer Hilfen ist eine weitere Zunahme der finanziellen Aufwendungen zu verzeichnen. Laut Angaben der KJH-Statistik werden für Hilfen zur Erziehung inklusive der Hilfen für junge Volljährige Jahr für Jahr mehr finanzielle Ressourcen seitens der kommunalen Jugendämter ausgegeben. Für 2018 belief sich das Ausgabenvolumen auf mittlerweile 10,73 Mrd. EUR – im Jahr 2000 waren es noch 4,72 Mrd. EUR (vgl. Kap. 5). Das entspricht über den gesamten Zeitraum betrachtet einer Zunahme von rund 127%, für die erste Dekade von 2000 bis 2010 von 46% sowie von 2010 bis 2018 von 56%. Die zu beobachtende Zunahme der finanziellen Aufwendungen folgt damit einem größer werdenden Bedarf und einer steigenden Nachfrage sowie infolge dessen einer höheren Inanspruchnahme und Reichweite von Hilfen zur Erziehung.

Der Anstieg der Ausgaben für die Hilfen zur Erziehung ist insbesondere in den 2000er-Jahre vor allem auf Mehrausgaben im Bereich der ambulanten Leistungen jenseits der Erziehungsberatung zurückzuführen. In der zweiten Dekade und hier insbesondere zwischen 2015 und 2017 sind aber auch die Ausgaben für Vollzeitpflege und insbesondere Heimerziehung (Fremdunterbringungen) nicht nur wieder deutlich gestiegen, sondern haben stärker zugenommen als die finanziellen Aufwendungen für die ambulanten Leistungen. Zwischen 2017 und 2018 jedoch sind die Aufwendungen für Leistungen im Rahmen von Vollzeitpflegehilfen und Heimerziehung erstmals seit dem Jahre 2000 wieder gegenüber dem Vorjahresergebnis zurückgegangen. Für die Erziehungsberatung zeigt sich hingegen im Vergleich zu den anderen Leistungssegmenten für den gesamten Zeitraum zwischen 2000 und 2018 eine weitaus geringere Ausgabenzunahme.

Innerhalb der Hilfen zur Erziehung werden der Heimerziehung die höchsten Ausgaben zugerechnet. Mehr als jeder zweite Euro wird für stationäre Unterbringungen nach § 34 SGB VIII ausgegeben (56%), gefolgt von der Vollzeitpflege (13%) sowie der Sozialpädagogischen Familienhilfe (10%) und der Tagesgruppenerziehung (5%).

Ambulante Hilfen zur Erziehung und Fremdunterbringung – auch eine Frage von Alter und Geschlecht

Seit Anfang der 2000er-Jahre werden pro Jahr mehr ambulante Leistungen in Anspruch genommen als junge Menschen in Pflegefamilien oder Heimen leben. Dies gilt nicht nur einschließlich der Erziehungsberatungsfälle, sondern auch dann, wenn man nur die über die Allgemeinen Sozialen Dienste organisierten Hilfen betrachtet (vgl. Kap. 2.1). Je nach Leistungssegment bestehen jedoch große Unterschiede bei der Altersverteilung. Die Inanspruchnahme einer Beratung, einer ambulanten Hilfe oder einer Fremdunterbringung korrespondiert mit dem Alter der Adressat(inn)en. So werden ambulante Leistungen häufiger von Familien mit jüngeren Kindern in Anspruch genommen (vgl. Kap. 2.2). Demgegenüber sind in den Hilfen, die im Kontext von Fremdunterbringungen angeboten werden, erheblich mehr Jugendliche als Kinder zu finden. Dieses „Inanspruchnahmemuster“ ist für die letzten Jahre konstant, wenngleich aufgrund der Bedarfslagen von unbegleiteten ausländischen Minderjährigen seit 2015 insbesondere im Bereich der Heimerziehung deutliche Zunahmen bei zunächst den Jugendlichen und zuletzt bei den jungen Volljährigen zu beobachten sind.

Nahezu unverändert zeigt sich die Geschlechterverteilung in den Hilfen zur Erziehung. Hier ist festzustellen, dass der Anteil der Jungen und jungen Männer in den Hilfen zur Erziehung insgesamt bei 57% liegt. In allen Leistungssegmenten bzw. Hilfearten sind Jungen und junge Männer insgesamt etwas überrepräsentiert (vgl. Kap. 2.2). Auch altersspezifisch gesehen ist die männliche Klientel in allen Jahrgängen stärker vertreten. Eine Ausnahme bildet die Erziehungsberatung: In den älteren Jahrgängen werden mehr Beratungen von Mädchen und ihren Familien nachgefragt.1

Hilfen zur Erziehung als Reaktion auf bestimmte Lebenslagen von jungen Menschen und ihren Familien

Der Ausfall eines oder beider Elternteile, die Trennung und Scheidung, aber auch die Folgen von fehlenden materiellen Ressourcen sowie damit verbundene Ausgrenzungsprozesse und eingeschränkte Teilhabemöglichkeiten stellen Lebenslagen mit einem erhöhten Bedarf an Unterstützungsleistungen dar, weil Betreuung, Erziehung und Förderung in der Familie in zunehmendem Maße nicht gelingt oder zumindest ein erhöhtes Risiko des Scheiterns erkannt bzw. wahrgenommen wird. Hilfen zur Erziehung sind demnach notwendige Unterstützungsleistungen für Familien in belastenden Lebenskonstellationen.

Vor diesem Hintergrund sind Alleinerziehende überproportional in den Hilfen zur Erziehung vertreten (vgl. Kap. 3.1) – in der Regel solche, die dazu noch besonders auf staatliche finanzielle Unterstützung angewiesen sind. Es deutet einiges darauf hin, dass dies nicht folgenlos für die Gewährungspraxis der Jugendämter ist. Das heißt beispielsweise: In den meisten Ländern, in denen der Anteil junger Menschen und deren Familien in belastenden Lebenslagen besonders hoch ist, liegt die Gewährungsquote von erzieherischen Hilfen über dem Bundesergebnis (vgl. Kap. 3.2). Familien, in denen vorrangig kein Deutsch gesprochen wird, stellen ebenfalls eine besondere Herausforderung für das Hilfesystem dar (vgl. Kap. 3.3). In letzter Zeit hat das Thema Migration zudem durch unbegleitete ausländische Minderjährige (UMA) und junge Volljährige mit Fluchterfahrungen bzw. ehemalige UMA, die als Adressat(inn)en der Hilfen zu Erziehung im Allgemeinen und der Heimerziehung im Besonderen verstärkt in den Fokus getreten sind, die Fachdiskussion mitbestimmt. Damit gehen auch veränderte Bedarfslagen für Angebote der Hilfen zur Erziehung einher, insbesondere für die Heimerziehung, aber auch mittlerweile für ausgewählte ambulante Hilfen, wie z.B. die Erziehungsbeistandschaften. Diese Ergebnisse verdeutlichen einerseits, dass Leistungen der Hilfen zur Erziehung auf sozioökonomische Verhältnisse und andere Lebenslagen mit besonderen Herausforderungen für das Aufwachsen junger Menschen und eine gelingende Erziehung in der Familie reagieren. Andererseits deuten die Befunde aber auch darauf hin, dass die Wahrnehmung dieser Konstellationen sowie damit verbundene Definitionsprozesse und Handlungsmuster von Fachkräften und Teams der Sozialen Dienste gleichermaßen einen Einfluss auf die Gewährungspraxis erzieherischer Hilfen haben können. Die beiden Befunde verweisen zum einen auf die Notwendigkeit mit anderen Organisationen bzw. Akteuren des Sozialwesens, wie z.B. dem Jobcenter, zu kooperieren und zum anderen auf die Bedeutung einer regelmäßigen kritischen (Selbst-)Reflexion professionellen Handelns der Fachkräfte in den Sozialen Diensten.

Keine einfachen und monokausalen Erklärungen für regionale Unterschiede

Regionale Unterschiede bei den Hilfen zur Erziehung sind zwar notwendig und erwünscht, um bedarfsgerechte lokale Hilfesysteme zu organisieren, gleichwohl jedoch auch erklärungsbedürftig, insbesondere angesichts der Ausmaße der örtlichen Diversifizierungen (vgl. Kap. 4). Die Heterogenität der Gewährungspraxis bei Vollzeitpflegehilfen und Heimerziehung (Fremdunterbringung) ist im Vergleich zu anderen Hilfearten etwas geringer ausgeprägt und erscheint mit Blick auf ebenfalls regional unterschiedlich verteilte Risiken des Aufwachsens – wie z.B. Armutsrisiken – in hohem Maße durch Faktoren außerhalb der Kinder- und Jugendhilfepraxis begründet zu sein. Weiterhin gilt der Grundsatz, dass die aufgezeigten Unterschiede nicht zu vereinfacht interpretiert werden dürfen, sondern dass sie einen Anlass bieten, die lokalen Bedingungen vor Ort mit Kenntnis ihrer Komplexität zu reflektieren.

Personal in den Hilfen zur Erziehung – Zunahme insbesondere bei jüngeren Fachkräften

Mit den Einrichtungs- und Personaldaten, die zuletzt zum Stichtag 31.12.2018 erhoben wurden, kann das Bild zum Arbeitsfeld der Hilfen zur Erziehung durch einen weiteren strukturellen Indikator, neben den Daten zu den Fallzahlen und den Ausgaben, vervollständigt werden. Anhand der Daten zu den Beschäftigten ist es möglich, ein aktuelles Bild zu den personellen Ressourcen der Mitarbeitenden in den Hilfen zur Erziehung zu zeichnen.

Die Personal- und Einrichtungsstatistik zählte zuletzt für das Jahr 2018 109.207 Beschäftigte, die insgesamt in den Aufgabenbereichen der erzieherischen Hilfen tätig waren. Das Personalvolumen ist damit im Vergleich zu 2016 – dem vorangegangenen Berichtszeitraum mit damals 102.537 Beschäftigten – weiter angewachsen (+7%). Gegenüber früheren Jahren hat die Wachstumsdynamik des Personals im Arbeitsfeld der Hilfen zur Erziehung zuletzt erheblich nachgelassen. Zwischen 2014 und 2016 lag der Zuwachs bei 18% und fiel damit noch höher aus als zwischen 2010 und 2014.

Der aktuelle prozentuale Zuwachs der Mitarbeitenden zwischen 2016 und 2018 ist bei der Erziehungsberatung, den ambulanten Hilfen und den stationären Leistungen ähnlich und bewegt sich zwischen 6% und 7%. Der Anstieg im ambulanten Leistungsbereich geht im Wesentlichen auf die Entwicklungen in der Sozialpädagogischen Familienhilfe und den intensiven sozialpädagogischen Einzelbetreuungen zurück. Auch die Heimerziehung zählt immerhin 4.855 Beschäftigte mehr als noch 2016. Trotz zuletzt rückläufiger Fallzahlen im stationären Bereich – auch bedingt durch den nachlassenden Bedarf bei der Gruppe der UMA– sind die Ressourcen weiter ausgebaut worden.

Weiterhin ist eine Verschiebung im Altersaufbau zugunsten jüngerer Mitarbeiter/-innen zu beobachten, die sich bereits 2010 angedeutet hat. Unterstützt werden die jungen Angestellten hierbei derzeit wieder zunehmend durch ältere und in vielen Fällen vermutlich auch erfahrene Fachkräfte, denen eine besondere Bedeutung in Sachen Wissenstransfer zukommt. Diese Entwicklung stellt die Sozialen Dienste und Träger von Angeboten der Hilfen zur Erziehung vor aktuelle und zukünftige Herausforderungen, kann mitunter auch Potenziale bergen. Fragen nach einem adäquaten Wissenstransfer stehen hier genauso im Vordergrund wie die nach der Gestaltung von Teamstrukturen, von einem guten kollegialen Austausch und fachlichen Standards.

  1. Seit dem Berichtsjahr 2017 wird in den Erhebungen zu der amtlichen KJH-Statistik pro Fall die Ausprägung „ohne Angabe (nach § 22 Absatz 3 PStG)“ bei der Geschlechtszugehörigkeit erfasst. Dieser Paragraf sieht keine Angabe oder die Angabe „divers“ in das Geburtsregister vor, sofern der junge Mensch weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden kann. Allerdings werden diese Angaben bei den standardmäßigen Auswertungen der amtlichen Statistik den Fällen männlichen Geschlechts zugeordnet. Eine differenzierte geschlechtsspezifische Betrachtung ist derzeit somit nur auf der Grundlage von Mikrodatenanalysen möglich, wobei dabei aufgrund der ungleichen Verteilung und zum Teil sehr geringer Fallzahlen von einer erheblichen Einschränkung der Aussagekraft aufgrund datenschutzbedingter Geheimhaltungsnotwendigkeiten auszugehen ist. Mit dem Berichtsjahr 2020 wurde zusätzlich die Ausprägung „divers“ – die Ausprägung „ohne Angabe“ wird beibehalten – bei allen Erhebungen der KJH-Statistik als vierte Ausprägung zum Erhebungsmerkmal „Geschlecht“ eingeführt.