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1. Ergebnisse im Überblick

Hilfen zur Erziehung auf einen Blick

Gesamtvolumen der Fallzahlen (Hilfen zur Erziehung + Hilfen für junge Volljährige, 2017):
Fallzahlen (Bestand am 31.12. + beendete Hilfen):985.628
Anzahl junger Menschen (Bestand am 31.12. + beendete Hilfen):1.118.347
Bevölkerungsbezogene Inanspruchnahme (Fallzahlen):610 pro 10.000 unter 21-Jährige
Bevölkerungsbezogene Inanspruchnahme (Anzahl junger Menschen):692 pro 10.000 unter 21-Jährige
Ausgaben für Einrichtungen und Leistungen (Hilfen zur Erziehung + Hilfen für junge Volljährige, 2017):
Ausgaben in 1.000 Euro:10.647.190
Ausgaben pro unter 21-Jährigen:658 EUR
Eckwerte (2017):
Durchschnittsalter der jungen Menschen bei Hilfebeginn:10,4 Jahre
Anteil der Alleinerziehendenfamilien bei Hilfebeginn:39,5%
Anteil der Transferleistungen beziehenden Familien bei Hilfebeginn:31,0%
Anteil der jungen Menschen in Familien, in denen zu Hause nicht Deutsch gesprochen wird, bei Hilfebeginn:18,6%
Durchschnittliche Dauer der beendeten Hilfen:10 Monate
Anteil der beendeten Hilfen gemäß Hilfeplan (ohne Zuständigkeitswechsel der Jugendämter):69,0%
Personalsituation (2016):
Tätige Personen:102.537
Vollzeitäquivalente1:75.543
Anteil der unter 45-jährigen Beschäftigten:62,3%
Professionalisierungsquote2:37,7%
Anteil der Vollzeit tätigen Personen:50,4%

Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige 2017; Ausgaben und Einnahmen 2017; Einrichtungen und tätige Personen 2016; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

  1. Rechnerische Vollzeitstellen
  2. Anteil der Akademiker/-innen mit einem (sozial-)pädagogischen (Fach-)Hochschulabschluss 

Erneuter Zuwachs an jungen Menschen in den Hilfen zur Erziehung

Anfang Dezember 2018 hat das Statistische Bundesamt die Daten des Jahres 2017 zu den Hilfen zur Erziehung veröffentlicht. Mit einer Zahl von 1.118.347 jungen Menschen, die 2017 eine Hilfe zur Erziehung in Anspruch genommen haben, sind rund 35.170 Leistungen mehr als im Vorjahr gezählt worden (+3%). Damit wurde ein neuer Höchststand erreicht. (vgl. Kap. 2.1). Die Zahl der Hilfen zur Erziehung hat in den letzten Jahren langsam, aber weiter zugenommen.

Hinter dem Anstieg der Hilfen zur Erziehung insgesamt stehen unterschiedliche Entwicklungen in den Leistungssegmenten: Erziehungsberatungen, die in diesem Jahr 41% aller Hilfen zur Erziehung ausmachen, sind gegenüber 2016 etwas gestiegen (+2%). Die über den Allgemeinen Sozialen Dienst organisierten ambulanten Hilfen (§§ 27,2er-Hilfen, 29-32, 35 SGB VIII) und Fremdunterbringungen (§§ 27,2er-Hilfen, 33-34 SGB VIII) haben um 24.643 Fälle (+4%) zugenommen – mit ähnlichen Entwicklungen in den Leistungssegmenten: Im Jahr 2017 nahmen 4% mehr Kinder und Jugendliche und deren Familien bzw. junge Volljährige ambulante Hilfen in Anspruch. Mit Ausnahme der erzieherischen Hilfen in einer Tagesgruppe gem. § 32 SGB VIII sind bei allen Hilfearten Zuwächse festzustellen. Auch im Rahmen von Fremdunterbringungen wurden 4% mehr junge Menschen in den Hilfen gezählt, wenngleich die Wachstumsdynamik gegenüber der Entwicklung 2015/16 (+11%) deutlich nachgelassen hat. Das hängt vor allem mit der geringeren Steigung der stationären Unterbringungen in Einrichtungen der Heimerziehung gem. § 34 SGB VIII zusammen. Mit einem Plus von 5% fiel der Fallzahlenanstieg zwischen 2016 und 2017 auch aufgrund deutlich geringerer Zahlen bei den unbegleiteten Einreisen von Minderjährigen moderater aus als noch im Vorjahr (+16%). Bei dem starken Zuwachs im stationären Bereich zwischen 2015 und 2016 handelte es sich um eine Auswirkung der gestiegenen Zahlen bei den unbegleiteten Einreisen von ausländischen Minderjährigen.

Ausgaben von 10,65 Mrd. EUR für Hilfen zur Erziehung

Parallel zum Anstieg der erzieherischen Hilfen ist eine weitere Zunahme der finanziellen Aufwendungen zu verzeichnen. Laut Angaben der KJH-Statistik werden für Hilfen zur Erziehung inklusive der Hilfen für junge Volljährige Jahr für Jahr mehr finanzielle Ressourcen seitens der kommunalen Jugendämter ausgegeben. Für 2017 belief sich das Ausgabenvolumen auf mittlerweile 10,65 Mrd. EUR – im Jahr 2000 waren es noch 4,72 Mrd. EUR (vgl. Kap. 5​​​​​​​). Die zu beobachtende Zunahme der finanziellen Aufwendungen folgt damit einem größer werdenden Bedarf und einer steigenden Nachfrage sowie infolge dessen einer höheren Inanspruchnahme und Reichweite von Hilfen zur Erziehung.

Mit Blick auf die einzelnen Leistungssegmente sind die Ausgaben für die Erziehungsberatung seit 2000 – absolut betrachtet – nur mäßig gestiegen. Bis 2017 ist eine Zunahme von 0,30 Mrd. EUR auf 0,39 Mrd. EUR zu konstatieren. Die Aufwendungen für ambulante Leistungen sind hingegen deutlicher gestiegen. Im Zeitraum 2000 bis 2017 ist eine Zunahme der finanziellen Aufwendungen von 0,87 Mrd. EUR auf fast 2,36 Mrd. EUR zu beobachten (+170%). Die Jahre mit den stärksten Zuwachsraten liegen im Zeitraum 2005 bis 2010. Bei den Fremdunterbringungen sind die Ausgaben zwischen 2000 und 2005 zunächst nur mäßig gestiegen – von 3,55 Mrd. EUR auf 3,87 Mrd. EUR (+9%). Ab Mitte der 2000er-Jahre ist allerdings eine deutliche Zunahme der Ausgaben – auch vor dem Hintergrund gestiegener Fallzahlen ausgelöst durch eine intensive Kinderschutzdebatte – in diesem Bereich festzustellen. Alles in allem sind die Ausgaben für Maßnahmen der Fremdunterbringung zwischen 2000 und 2017 nominal um 122% gestiegen.

Innerhalb der Hilfen zur Erziehung werden der Heimerziehung die höchsten Ausgaben zugerechnet. Mehr als jeder zweite Euro wird für stationäre Unterbringungen nach § 34 SGB VIII ausgegeben (58%), gefolgt von der Vollzeitpflege (13%) sowie der Sozialpädagogischen Familienhilfe (10%) und der Tagesgruppenerziehung (5%).

Ambulante Hilfen zur Erziehung und Fremdunterbringung – auch eine Frage von Alter und Geschlecht

Seit Anfang der 2000er-Jahre werden pro Jahr mehr ambulante Leistungen in Anspruch genommen als junge Menschen in Pflegefamilien oder Heimen leben. Dies gilt nicht nur einschließlich der Erziehungsberatungsfälle, sondern auch dann, wenn man nur die über die Allgemeinen Sozialen Dienste organisierten Hilfen betrachtet (vgl. Kap. 2.1). Je nach Leistungssegment bestehen jedoch große Unterschiede bei der Altersverteilung. Die Inanspruchnahme einer Beratung, einer ambulanten Hilfe oder einer Fremdunterbringung korrespondiert mit dem Alter der Adressat(inn)en. So werden ambulante Leistungen häufiger von Jüngeren und ihren Familien in Anspruch genommen (vgl. Kap. 2.2). Demgegenüber sind in den Hilfen, die im Kontext von Fremdunterbringungen angeboten werden, erheblich mehr Jugendliche als Kinder zu finden. Dieses ‚Inanspruchnahmemuster‘ ist für die letzten Jahre konstant, wenngleich aufgrund der Bedarfslagen von unbegleiteten ausländischen Minderjährigen in den letzten Jahren insbesondere im Bereich der Heimerziehung deutliche Zunahmen bei zunächst den Jugendlichen und zuletzt bei den jungen Volljährigen zu beobachten sind.

Nahezu unverändert zeigt sich die Geschlechterverteilung in den Hilfen zur Erziehung. Hier ist festzustellen, dass der Anteil der Jungen und jungen Männer in den Hilfen zur Erziehung insgesamt bei 57% liegt. In allen Leistungssegmenten bzw. Hilfearten sind Jungen und junge Männer insgesamt etwas überrepräsentiert (vgl. Kap. 2.2). Auch altersspezifisch gesehen ist die männliche Klientel in allen Jahrgängen stärker vertreten. Eine Ausnahme bildet die Erziehungsberatung: In den älteren Jahrgängen werden mehr Beratungen von Mädchen und ihren Familien nachgefragt.

Hilfen zur Erziehung als Reaktion auf bestimmte Lebenslagen von jungen Menschen und ihren Familien

Hilfen zur Erziehung sind notwendige Unterstützungsleistungen für Familien in belastenden Lebenskonstellationen. Der Ausfall eines oder beider Elternteile, die Trennung und Scheidung, aber auch die Folgen von fehlenden materiellen Ressourcen sowie damit verbundene Ausgrenzungsprozesse stellen Lebenslagen mit einem erhöhten Bedarf an Unterstützungsleistungen dar, weil Betreuung, Erziehung und Förderung in der Familie in zunehmendem Maße nicht gelingt oder zumindest ein erhöhtes Risiko des Scheiterns erkannt bzw. wahrgenommen wird.

Vor diesem Hintergrund sind Alleinerziehende überproportional in den Hilfen zur Erziehung vertreten (vgl. Kap. 3.1) – in der Regel solche, die dazu noch besonders auf staatliche finanzielle Unterstützung angewiesen sind. Es deutet einiges darauf hin, dass dies nicht folgenlos für die Gewährungspraxis der Jugendämter ist. Das heißt beispielsweise: In den meisten Ländern, in denen der Anteil junger Menschen und deren Familien in belastenden Lebenslagen besonders hoch ist, liegt die Gewährungsquote von erzieherischen Hilfen über dem Bundesergebnis (vgl. Kap. 3.2). Familien, in denen vorrangig kein Deutsch gesprochen wird, stellen ebenfalls eine besondere Herausforderung für das Hilfesystem dar (vgl. Kap. 3.3). In letzter Zeit hat das Thema Migration zudem durch unbegleitete ausländische Minderjährige (UMA) und junge Volljährige mit Fluchterfahrungen bzw. ehemalige UMA, die als Adressat(inn)en der Hilfen zu Erziehung im Allgemeinen und der Heimerziehung im Besonderen verstärkt in den Fokus getreten sind, die Fachdiskussion mitbestimmt. Damit gehen auch veränderte Bedarfslagen für Angebote der Hilfen zur Erziehung einher, insbesondere für die Heimerziehung, aber auch mittlerweile für ausgewählte ambulante Hilfen. Diese Ergebnisse verdeutlichen einerseits, dass Leistungen der Hilfen zur Erziehung auf sozioökonomische Verhältnisse und andere Lebenslagen mit besonderen Herausforderungen für das Aufwachsen junger Menschen und eine gelingende Erziehung in der Familie reagieren. Andererseits deuten die Befunde aber auch darauf hin, dass die Wahrnehmung dieser Konstellationen sowie damit verbundene Definitionsprozesse und Handlungsmuster von Fachkräften und Teams der Sozialen Dienste gleichermaßen einen Einfluss auf die Gewährungspraxis erzieherischer Hilfen haben können. Dies verweist auf die Notwendigkeit einer regelmäßigen kritischen (Selbst-)Reflexion professionellen Handelns der Fachkräfte in den Sozialen Diensten.

Keine einfachen und monokausalen Erklärungen für regionale Unterschiede

Regionale Unterschiede bei den Hilfen zur Erziehung sind zwar notwendig und erwünscht, um bedarfsgerechte lokale Hilfesysteme zu organisieren, gleichwohl jedoch auch erklärungsbedürftig, insbesondere angesichts der Ausmaße der örtlichen Diversifizierungen (vgl. Kap. 4). Die Heterogenität der Gewährungspraxis bei Vollzeitpflegehilfen und Heimerziehung (Fremdunterbringung) ist im Vergleich zu anderen Hilfearten etwas geringer ausgeprägt und erscheint mit Blick auf ebenfalls regional unterschiedlich verteilte Risiken des Aufwachsens – wie z.B. Armutsrisiken – in hohem Maße durch Faktoren außerhalb der Kinder- und Jugendhilfepraxis begründet zu sein. Weiterhin gilt der Grundsatz, dass die aufgezeigten Unterschiede nicht zu vereinfacht interpretiert werden dürfen, sondern dass sie einen Anlass bieten, die lokalen Bedingungen vor Ort mit Kenntnis ihrer Komplexität zu reflektieren.

Personalzuwächse in den Hilfen zur Erziehung

Die personellen Ressourcen sind im Arbeitsfeld der Hilfen zur Erziehung im Jahr 2016 weiter angestiegen, und zwar um 18% gegenüber 2014. Der Anstieg zeigt sich vor allem in der Heimerziehung mit einem Plus von 23%. Bereits zwischen 2010 und 2014 konnte der Personalzuwachs auf diesen Arbeitsbereich zurückgeführt werden. Ambulante Hilfen haben einen Anstieg der Beschäftigten um rund 9% zu verzeichnen und sind nicht mehr weiter von einem Personalrückgang betroffen, der zwischen 2010 und 2014 beobachtet werden konnte.

Weiterhin ist eine Verschiebung im Altersaufbau zugunsten jüngerer Mitarbeiter/-innen zu beobachten, die sich bereits 2010 angedeutet hat. Diese Entwicklung stellt die Sozialen Dienste und Träger von Angeboten der Hilfen zur Erziehung vor aktuelle und zukünftige Herausforderungen, kann mitunter auch Potenziale bergen. Fragen nach einem adäquaten Wissenstransfer stehen hier genauso im Vordergrund wie die nach der Gestaltung von Teamstrukturen und fachlichen Standards.

Mit den Einrichtungs- und Personaldaten, die zuletzt zum Stichtag 31.12.2016 erhoben wurden, kann das Bild zum Arbeitsfeld der Hilfen zur Erziehung durch einen weiteren strukturellen Indikator, neben den Daten zu den Fallzahlen und den Ausgaben, vervollständigt werden. Anhand der Daten zu den Beschäftigten ist es möglich, ein aktuelles Bild zu den personellen Ressourcen der Mitarbeitenden in den Hilfen zur Erziehung zu zeichnen. Die ausführlichen Ergebnisse der Auswertungen und Analysen wurden im Rahmen des gedruckten „Monitor Hilfen zur Erziehung 2018“ veröffentlicht (vgl. hzemonitor.akjstat.tu-dortmund.de/fileadmin/user_upload/documents/Monitor_Hilfen_zur_Erziehung_2018.pdf; Zugriff: 15.03.2019)