4. Inanspruchnahme von Hilfen zur Erziehung im Spiegel lokaler Unterschiede

4.1 Das Volumen der Hilfen zur Erziehung im lokalen Vergleich

Für einen Vergleich der Hilfen zur Erziehung auf der Ebene der Zuständigkeitsbereiche lokaler Jugendämter wird die Gesamtzahl der im Jahr 2015 beendeten und am 31.12.2015 laufenden Hilfen in einem Jugendamtsbezirk – ohne Eingliederungshilfen und ohne Erziehungsberatung – ins Verhältnis zur unter 21-jährigen Bevölkerung gesetzt. Die Inanspruchnahmequoten in den einzelnen Jugendamtsbezirken variieren zwischen einem Minimalwert von 86 Hilfen pro 10.000 der unter 21-Jährigen bis zu einem Maximum von 849. Würden im Zuständigkeitsbereich des Jugendamtes mit der höchsten Quote genauso viele junge Menschen leben wie im Jugendamtsbezirk mit der niedrigsten Quote, würden dort also fast zehnmal so viele Hilfen zur Erziehung gewährt. 

Solch große Unterschiede dürften kaum dadurch zu erklären sein, dass der erzieherische Bedarf in einem Ort um das 10-fache höher ist als in einem anderen. Auch handelt es sich bei den höchsten Inanspruchnahmequoten um Einzelfälle. Da die Gründe für diese Angaben hier nicht herausgearbeitet werden können1 und um Verzerrungen durch ungewöhnlich hohe oder niedrige Werte zu vermeiden, werden zusätzlich Differenzen berechnet, wenn sowohl die 20 Kommunen mit den höchsten Inanspruchnahmequoten als auch die 20 mit den geringsten Werten herausgefiltert werden. Die Werte bewegen sich dann zwischen 105 und 578 Punkten, also Hilfen pro 10.000 unter 21-Jährigen. Das bedeutet, dass selbst unter Ausschluss der jeweils „extremsten“ Jugendämter die Kommune mit den höchsten Werten immer noch mehr als viermal so viele Hilfen zur Erziehung gewährt wie die Kommune mit der niedrigsten Inanspruchnahmequote. 

Wie in Tabelle 4.1 dargestellt, sind die Inanspruchnahmequoten jedoch sehr ungleich verteilt. Teilt man die Jugendamtsbezirke in 5 Gruppen auf2, ist erkennbar, dass fast die Hälfte der Jugendämter (46%) über Inanspruchnahmequoten zwischen 235 und 385 Punkten verfügt. Bei insgesamt 24% der Jugendämter sind es 385 und mehr Punkte, wobei sie sich über einen sehr breiten Wertebereich verteilen. 

Der Variationskoeffizient, der eine Maßzahl für Unterschiedlichkeit darstellt, ermöglicht einen Vergleich auch über verschiedene Datenbestände hinweg. Im Vergleich zum Variationskoeffizienten der Datenbasis 2014 zeigt sich eine minimale Verringerung der Unterschiede, insbesondere innerhalb der Gruppe mit den niedrigsten Fallzahlen.

Tab 4.1: Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige, ohne Erziehungsberatung) nach Inanspruchnahmeklassen (Jugendamtsbezirke; 2015; Aufsummierung der zum 31.12. des Jahres andauernden und der innerhalb des Jahres beendeten Hilfen)

Inanspruchnahme zwischen … und … Punkten Anzahl der Kommunen Verteilung der Anzahl in % Median Arithmetisches Mittel Variations­koeffizient
Unter 235 168 30% 193 187 0,18
235 bis unter 385 257 46% 297 302 0,14
385 bis unter 535 93 17% 442 448 0,09
535 bis unter 685 34 6% 567 574 0,06
685 und mehr 8 1% 776 779 0,06
Insgesamt 560 100% 286 315 0,41

Methodischer Hinweis: Abhängige Variable ist die Inanspruchnahme von Leistungen der Hilfen zur Erziehung pro 10.000 der unter 21-Jährigen auf der Basis der Summe aus am 31.12. andauernden und beendeten Leistungen pro Jugendamtsbezirk.
Lesebeispiel: In Deutschland wird für 168 Jugendämter eine Inanspruchnahme von unter 235 Hilfen pro 10.000 der unter 21-Jährigen ausgewiesen (235 Inanspruchnahmepunkte). Das sind etwa 30% der Jugendämter. Der Medianwert liegt für diese Gruppe bei 193 Inanspruchnahmepunkten, das arithmetische Mittel bei 187 Inanspruchnahmepunkten.
Quelle: Forschungsdatenzentrum der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder; Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige 2015; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik.

Die Einteilung der Kommunen in Klassen und damit in „Farben“ auf der Karte wird in jedem Jahr auf Basis der aktuellen Daten neu berechnet, daher ist die Karte (vgl. Abb. 4.1) nicht direkt mit der der Vorjahre vergleichbar. Zu beachten ist außerdem, dass diese Form der Datendarstellung solche Kreise besonders betont, die über eine große Fläche verfügen – häufig leben jedoch gerade in Kreisen mit großer Grundfläche verhältnismäßig wenige junge Menschen, sodass der optische Eindruck nicht der absoluten Hilfezahl entspricht. 

Die Karte verdeutlicht, dass die Jugendamtsbezirke mit den höchsten Inanspruchnahmequoten im Norden, insbesondere im Nordosten Deutschlands liegen. Auch im Westen, etwa in den Ballungsräumen Nordrhein-Westfalens sind häufiger überdurchschnittliche Inanspruchnahmequoten zu verzeichnen. Häufig, aber nicht durchgehend, verzeichnen Städte mit eigenem Jugendamt, die anhand ihrer kleineren Grundfläche auf der Karte von Flächenkreisen unterscheidbar sind, höhere Inanspruchnahmequoten als umliegende Kreise.

Abb 4.1: Inanspruchnahme von Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige, ohne Erziehungsberatung) nach Jugendamtsbezirken (Deutschland; 2015; Aufsummierung der zum 31.12. des Jahres andauernden und der innerhalb des Jahres beendeten Hilfen; Angaben pro 10.000 der unter 21-Jährigen)

Quelle: Forschungsdatenzentrum der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder; Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige 2015; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik
Literatur:

[AKJStat] Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik (2017): Empirische Befunde zur Kinder- und Jugendhilfe. Analysen zum Leitthema des 16. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetages 2017. Dortmund. Online verfügbar unter: akjstat.tu-dortmund.de/fileadmin/Analysen/Jugendhilfe_insgesamt/AKJStat_-_Empirische_Befunde_DJHT_2017.pdf (Zugriff: 09.08.2017).

  • Vgl. AKJStat 2017, S. 39-43
  • Zur Methodik der Aufteilung siehe Infokasten in Kap. 4.4.