3. Lebenslagen der Adressat(inn)en von Hilfen zur Erziehung

3.3 Migrationshintergrund

Die Begleitung und Unterstützung von Menschen mit Migrationshintergrund werden als Herausforderung für die Einrichtungen der Sozialen Arbeit diskutiert. Fragen des sozialpädagogischen Handelns, der interkulturellen Kompetenzen oder auch der Öffnung von Einrichtungen sind hier zentral.1 Entsprechende Aufgabenstellungen gelten auch für die Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe im Allgemeinen und der Hilfen zur Erziehung im Besonderen. In letzter Zeit hat das Thema Migration durch unbegleitete ausländische Minderjährige (UMA), die als Adressat(inn)en der Hilfen zu Erziehung im Allgemeinen und der Heimerziehung im Besonderen verstärkt in den Fokus getreten sind2, die Fachdiskussion mitbestimmt.

Wirft man einen genauen Blick auf die Daten, haben rund 38% der jungen Menschen, die 2015 eine vom ASD organisierte erzieherische Hilfe erhalten, mindestens ein Elternteil mit ausländischer Herkunft (vgl. Abb. 3.3) und damit deutlich mehr als bei der Erziehungsberatung. Differenziert nach Herkunft und Sprache fällt der Anteil derjenigen, die noch zusätzlich zu Hause nicht die deutsche Sprache sprechen, in den erzieherischen Hilfen (22%) höher aus als bei der Erziehungsberatung (8%).  

Bei einem differenzierten Blick auf das Leistungsspektrum zeigen sich hilfeartspezifische Unterschiede. Die Spannweite des Anteils von jungen Menschen mit Migrationshintergrund, die zu Hause nicht Deutsch sprechen, ist in den einzelnen Hilfen wesentlich höher als bei denen, die hauptsächlich die deutsche Sprache in der Familie benutzen. Bei der zweiten Gruppe bewegt sich der Anteil zwischen 12% und 21%. Mit Blick auf die erste Gruppe ist der Unterschied gravierender: Auf der einen Seite liegt der Anteil bei der Tagesgruppe bei 12%. Auf der anderen Seite weist unter dieser Perspektive mehr als 40% der jungen Menschen in der Heimerziehung einen Migrationshintergrund auf. Bei letzterer Hilfeart zeigen sich auch die größten Zuwächse im Vergleich zum Vorjahr.3 

Im Vergleich zu früheren Jahren haben sich die Quoten junger Menschen in den Hilfen zur Erziehung im Jahr 2015 deutlich erhöht. Hintergrund ist die gestiegene Zahl junger unbegleiteter ausländischer Minderjähriger in den Hilfen zur Erziehung im Allgemeinen und der Heimerziehung im Besonderen, die im Anschluss an eine Inobhutnahme eine Hilfe zur Erziehung erhalten.4 

Abb. 3.3: Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) nach der Herkunft der Eltern und Hilfearten (Deutschland; 2015; begonnene Hilfen; Anteil in %)1

1 In der Statistik wird auch die Gruppe der jungen Menschen ausgewiesen, die keine ausländische Herkunft haben und zuhause vorrangig nicht die deutsche Sprache sprechen. Diese Gruppe spielt eine marginale Rolle in den Hilfen zur Erziehung, sodass sie hier nicht mitberücksichtigt wird.
* Einschließlich der sonstigen Hilfen
Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige 2015; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Unter der länderspezifischen Perspektive deuten sich mit Blick auf die über den Allgemeinen Sozialen Dienst organisierten erzieherischen Hilfen (jenseits der Erziehungsberatung) deutliche Unterschiede an. Auf der einen Seite reicht der Anteil junger Menschen mit mindestens einem Elternteil ausländischer Herkunft in den Hilfen zur Erziehung in den westdeutschen Bundesländern von 25% in Schleswig-Holstein bis zu 59% in Hessen (vgl. Tab. 3.3). Auf der anderen Seite ist eine Differenz zwischen dem Anteil der jungen Menschen mit Migrationshintergrund in der Bevölkerung und in den erzieherischen Hilfen in den Bundesländern auszumachen. In Bayern und im Stadtstaat Hamburg (18 bzw. 17 Prozentpunkte) sind die jungen Menschen mit Migrationshintergrund in den erzieherischen Hilfen überrepräsentiert, während sie in einigen Ländern, vor allem in NRW (-3 Prozentpunkte) in den Hilfen zur Erziehung eher unterrepräsentiert sind.5 

Bei der Erziehungsberatung wird in den westdeutschen Ländern – wie bei den vom ASD organisierten Hilfen – die niedrigste Quote für die jungen Menschen mit Migrationshintergrund in Schleswig-Holstein (13%) ausgewiesen. Die höchsten Quoten sind in Hessen und dem Stadtstaat Hamburg (34%) sowie in Baden-Württemberg (32%) und Bremen (31%) zu verzeichnen. 

Tab. 3.3: Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) nach Migrationshintergrund (Herkunft) im Vergleich zum Anteil von Familien mit Migrationshintergrund in der Bevölkerung (Länder; 2015; begonnene Hilfen, Angaben absolut und in %)

Bundesland Junge Menschen insgesamt in Erziehungsberatung
2015
(abs.)
dar. mit Eltern(teil) ausländischer Herkunft 2015
(in %)
Junge Menschen insgesamt in Hilfen zur Erziehung 2015
(abs.)
dar. mit Eltern(teil) mit ausländischer Herkunft 2015
(in %)
Familien mit Migrationshintergrund mit Kindern unter 18 J. in der Bevölkerung 2015 (in %)
Baden-Württemberg 37.605 31,7 26.228 47,9 39,1
Bayern 40.48 26,6 25.419 49,5 31,7
Berlin 15.855 28,8 9.801 45,9 42,9
Brandenburg 8.604 4,9 8.798 15,4 9,8
Bremen 1.508 30,8 3.63 51,3 46,8
Hamburg 3.567 34,3 10.27 49,2 41,2
Hessen 20.12 33,8 14.985 58,5 41,7
Mecklenburg-Vorpommern 2.934 6,6 5.506 10,0 7,4
Niedersachsen 28.942 16,7 21.852 26,9 26,7
Nordrhein-Westfalen 80.267 28,5 55.592 35,7 38,2
Rheinland-Pfalz 14.242 22,3 11.508 35,0 32,5
Saarland 1.996 18,5 3.022 33,8 30,3
Sachsen 16.602 8,7 9.42 14,0 9,2
Sachsen-Anhalt 8.272 5,5 6.122 10,4 8,4
Schleswig-Holstein 15.763 13,0 7.854 25,1 20,7
Thüringen 9.165 5,4 4.494 12,4 7,0
Westdeutschland (einschl. Berlin) 26.0345 26,5 152.748 49,8 35,4
Ostdeutschland 45.577 6,6 34.34 12,9 8,6
Deutschland 305.922 23,6 224.501 36,7 31,5

Quelle: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige 2015; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik; Statistisches Bundesamt: Ergebnisse des Mikrozensus 2015 – Bevölkerung in Familien/Lebensformen am Hauptwohnsitz (Sonderauswertung zu den einzelnen Bundesländern); Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Betrachtet man zudem den Migrationshintergrund in Kombination mit dem Transferleistungsbezug, deuten sich sowohl bei den Hilfen zur Erziehung (ohne Erziehungsberatung) als auch bei der Erziehungsberatung Unterschiede zwischen den Familien mit und ohne Migrationshintergrund an. Bei den vom ASD organisierten Hilfen zur Erziehung zeichnen sich 20146 zunächst einmal geringe Unterschiede zwischen Familien mit Migrationshintergrund ab, die zu Hause Deutsch sprechen, und Familien ohne Migrationshintergrund. Hier bewegen sich die Anteile zwischen 59% und 60% (vgl. Abb. 3.4). Bei den Familien mit Migrationshintergrund, die zuhause nicht Deutsch sprechen, fällt der Anteil mit 53% niedriger aus. Ein deutlicher Unterschied zwischen den 3 Gruppen zeigt sich bei der Erziehungsberatung, gleichwohl der Anteil der Transferleistungsbeziehenden hier generell wesentlich geringer ist als bei den vom ASD organisierten Hilfen zur Erziehung. Während bei Familien ohne Migrationshintergrund lediglich 17% auf Transferleistungen angewiesen sind, ist der Anteil bei den Familien mit Migrationshintergrund und nicht deutscher Hauptsprache in der Familie mit fast 37% mehr als doppelt so hoch.6 

Ein differenzierter Blick auf die Hilfearten zeigt allerdings nicht nur hilfeartspezifische Unterschiede, sondern auch Differenzen zwischen den Gruppen. Im ambulanten Hilfesetting weist die Sozialpädagogische Familienhilfe die höchsten Anteile von Transferleistungsbezügen bei allen 3 Gruppen auf, im Bereich der Fremdunterbringungen ist es die Vollzeitpflege.  

Mit Blick auf die Unterschiede zwischen den 3 Gruppen differieren die beiden Leistungssegmente. Bei den ambulanten Hilfen sind junge Migrant(inn)en, in deren Familie vorrangig nicht Deutsch gesprochen wird, eher von staatlicher finanzieller Unterstützung betroffen als junge Menschen ohne Migrationshintergrund oder auch diejenigen Migrant(inn)en, in deren Familie hauptsächlich Deutsch gesprochen wird. Dies zeichnet sich insbesondere für die Soziale Gruppenarbeit, die Einzelbetreuungen und die ambulanten ‚27,2er-Hilfen’ ab. Bei der Heimerziehung und der Vollzeitpflege zeigt sich ein umgekehrtes Bild: Die Migrantenfamilien, die zu Hause vorrangig nicht Deutsch sprechen, sind zu einem geringeren Anteil von Transferleistungen betroffen. Dies zeigt sich vor allem bei der Heimerziehung; hier ist „lediglich“ jede dritte Familie von Transferleistungsbezug betroffen. Hervorzuheben ist an dieser Stelle, dass sich dieser Anteil in den letzten Jahren erheblich reduziert hat. Zum Vergleich: 2010 lag der Anteil der jungen Menschen mit Migrationshintergrund, die zuhause kein Deutsch sprechen, in der Heimerziehung bei 48%.

Abb. 3.4: Hilfen zur Erziehung insgesamt sowie ausgewählte Hilfen nach Migrationshintergrund (Herkunft und Sprache) und Transferleistungsbezug (Deutschland; 2014; begonnene Hilfen; Anteil in %)

1 Einschließlich der sonstigen Hilfen
Lesebeispiel: In der Heimerziehung sind 62% der Familien ohne Migrationshintergrund auf Transferleistungen angewiesen. Bei Familien, in denen mindestens ein Elternteil ausländischer Herkunft ist und in denen hauptsächlich die deutsche Sprache gesprochen wird, liegt der Anteil derjenigen, die zusätzlich Transferleistungen beziehen, bei 63%. Bei den Migrantenfamilien, die zuhause hauptsächlich nicht deutsch sprechen, liegt dieser Anteil bei 36%.
Quelle: Forschungsdatenzentrum der Statistischen Ämter: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfen; 2014; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Junge Menschen mit Migrationshintergrund stellen eine Herausforderung für das Arbeitsfeld der Hilfen zur Erziehung dar. Sie sind in den Hilfen zur Erziehung keineswegs unterrepräsentiert sind; vielmehr hat sich ihr Anteil insbesondere durch die Gruppe der UMA in letzter Zeit erheblich erhöht. Es ist angesichts des Fallzahlenanstiegs bei den Inobhutnahmen von UMAs davon auszugehen, dass auch für die Daten zu den Hilfen zur Erziehung 2016 im Allgemeinen und der Heimerziehung im Besonderen mit einer weiteren Zunahme der Gruppe gerechnet werden kann. Die Angaben des Bundesveraltungsamtes zu den Anschlussmaßnahmen nach einer Inobhutnahme für das Jahr 2016 bestätigen dies – einerseits mit Blick auf Hilfen zur Erziehung, andererseits auch bei den Hilfen für junge Volljährige.7 Dies verweist auf die Herausforderungen und Handlungsbedarfe für ein fachlich angemessenes Arbeiten mit unbegleiteten Minderjährigen für Jugendämter und freie Träger, die zuletzt auch die Sachverständigenkommission des 15. Kinder- und Jugendberichts herausgearbeitet hat.8  Dies gilt zum einen mit Blick auf deren komplexe Problemlagen. Zum anderen stellt sich auch die Frage nach Anschlussmöglichkeiten von Hilfen nach (baldigem) Eintritt der Volljährigkeit vieler UMAs. Schließlich handelt es sich zum Großteil um junge Menschen im Alter von 16 und 17 Jahren.

In den verschiedenen Hilfearten ist der Anteil junger Menschen mit Migrationshintergrund unterschiedlich hoch. Die Spannweite ist dabei für das Merkmal „nicht deutsche Sprache“ größer als für das der ausländischen Herkunft der Eltern. Unabhängig von der Adressatengruppe der UMAs ist der Frage nach Zugangsmöglichkeiten von Migrantenfamilien in das Hilfesystem nachzugehen. Zudem offenbaren die Befunde, dass der Migrationshintergrund differenziert betrachtet werden muss. Gerade Familien, in denen vorrangig kein Deutsch gesprochen wird, stellen in diesem Zusammenhang eine besondere Herausforderung für das Hilfesystem dar.9  

Ferner sind Familien mit Migrationshintergrund, die ambulante Hilfen zur Erziehung in Anspruch nehmen, eher auf staatliche finanzielle Unterstützung angewiesen als Familien ohne Migrationshintergrund. Hierbei sind eher Familien mit Migrationshintergrund betroffen, die zu Hause vorrangig nicht Deutsch sprechen. Die in der Familie gesprochene Sprache ist an dieser Stelle ein Indikator für eine Risikolebenslage von Familien – möglicherweise aufgrund einer damit einhergehenden eingeschränkten sozialen Mobilität sowie der Gefahr einer gesellschaftlichen Abschottung gegenüber anderen Milieus, die sich auch negativ auf die Bedingungen des Aufwachsens für junge Menschen sowie die familiäre Erziehung auswirken können. Folglich stehen Soziale Dienste in diesem Kontext besonders vor einer Herausforderung, wenn junge Menschen in den Hilfen zur Erziehung nicht nur von kulturellen und sprachlichen Barrieren betroffen sind, sondern sich zusätzlich noch in sozioökonomisch prekären Lebensverhältnissen befinden. 

In der Gesamtschau heißt dies, dass Erziehungsberatungsstellen sowie die Sozialen Dienste hier mittel- und langfristig aufgefordert sind, migrationssensible Angebote, welche Unterschiede weder manifestieren noch ausblenden, zu gestalten. Dazu gehören Strategien wie die Akquise von Mitarbeiter(inne)n mit Migrationshintergrund genauso wie die Stärkung der interkulturellen Kompetenzen aller Mitarbeiter/-innen.

Literatur:

Bundesjugendkuratorium: Migration unter der Lupe. Der ambivalente Umgang mit einem gesellschaftlichen Thema der Kinder- und Jugendhilfe, Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums zu Migration, 2013 (www.bundesjugendkuratorium.de/assets/pdf/press/Stellungnahme_Migration_81113.pdf; Zugriff: 27.02.2017).

Deutscher Bundestag (Hrsg.): 15. Kinder- und Jugendbericht, Berlin 2017.

Fendrich, S./Tabel, A.: Aktuelle Entwicklungen in den stationären Erziehungshilfen, in: Jugendhilfe, 2017a, Heft 2 (im Erscheinen). 

Fendrich, S./Tabel, A.: Erwartbarer Ausbau der Heimerziehung – junge Geflüchtete als wichtige Adressat(inn)en, in: KomDat Jugendhilfe, 2017b, Heft 1, S. 15-18.

Fendrich, S./Pothmann, J./Tabel, A.: Monitor Hilfen zur Erziehung 2012, Dortmund 2012 (www.akjstat.tu-dortmund.de; Zugriff: 20.02.2017). 

Gadow, T./Peucker, Ch./Pluto, L./van Santen, E./Seckinger, M.: Wie geht’s der Kinder- und Jugendhilfe? Empirische Befunde und Analysen, Weinheim und Basel 2013. 

Pothmann, J.: Rückgänge bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Ein Blick in die Daten des Bundesverwaltungsamtes, in: KomDat Jugendhilfe, 2017, Heft 1, S. 20-23.

  • Vgl. Gadow 2013 u.a., S. 225ff.
  • Vgl. Fendrich/Tabel 2017a
  • Vgl. Fendrich/Tabel 2017b
  • Vgl. Fendrich/Tabel 2017b
  • Zum Nachvollziehen der Migrationskonzepte in der Kinder- und Jugendhilfestatistik und dem Mikrozensus sei an dieser Stelle auf die entsprechenden Verweise in der ersten Ausgabe des Monitors Hilfen zur Erziehung hingewiesen (vgl. Fendrich/Pothmann/Tabel 2012, S. 18ff.).
  • Zum Zeitpunkt der Aktualisierung der Homepage lagen die Einzeldaten des Jahres 2015 zur Auswertung noch nicht vor, sodass sich die Analyse auf die Daten des Jahres 2014 bezieht.
  • Vgl. Pothmann 2017
  • Vgl. Deutscher Bundestag
  • Vgl. Bundesjugendkuratorium 2013, S. 27ff.