3. Lebenslagen der Adressat(inn)en von Hilfen zur Erziehung

3.2 Transferleistungsbezug

Der 14. Kinder- und Jugendbericht hat einmal mehr darauf hingewiesen, dass Armut und die damit verbundenen prekären Lebenslagen Risiken für die Erziehung beinhalten.In der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik kann als Indikator für prekäre Lebenslagen der Bezug von Transferleistungen abgebildet werden. Berücksichtigt werden hierbei das Arbeitslosengeld II auch in Verbindung mit dem Sozialgeld (für Kinder), die bedarfsorientierte Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung im Rahmen der Sozialhilfe oder auch der Kinderzuschlag. Diese Angaben liefern Hinweise zur Inanspruchnahme von erzieherischen Hilfen durch Familien, die zumindest von Armut bedroht sind. Und in der Tat bestätigen die Ergebnisse der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik die Hypothese, dass es einen Zusammenhang von Armutslagen einerseits und einem erhöhten Bedarf an Leistungen der Hilfen zur Erziehung gibt.2 Anders formuliert: Adressat(inn)en von Hilfen zur Erziehung sind besonders von sozioökonomisch prekären Lebenslagen betroffen.

Die Analyse der Daten zeigt, dass von den Familien, die 2015 eine erzieherische Hilfe (ohne Erziehungsberatung) erhalten, 54% auf Transferleistungen angewiesen sind. Bei der Erziehungsberatung ist lediglich knapp jede fünfte Familie von Transferleistungen betroffen (vgl. Abb. 3.2). Differenziert nach den einzelnen Hilfearten variiert die ausgewiesene Gesamtquote zwischen 41% (Intensive Sozialpädagogische Einzelbetreuung) auf der einen und 70% (Vollzeitpflege) auf der anderen Seite. Im ambulanten Hilfesetting ist für die SPFH mit 64% der höchste Anteil festzustellen. 

Das Verhältnis von Familien mit und ohne Transferleistungsbezug erhöht sich noch einmal deutlich zugunsten der Familien mit Transferleistungsbezug bei der anteilig größten Hilfeempfängergruppe, den Alleinerziehenden. Mit Blick auf ihre wirtschaftliche Situation sind 68% der Alleinerziehenden, die eine Hilfe zur Erziehung erhalten, gleichzeitig auf staatliche finanzielle Unterstützung angewiesen. Das sind etwa 14 Prozentpunkte mehr als für die Adressat(inn)en von erzieherischen Hilfen insgesamt. Differenziert nach den beiden Leistungssegmenten zeigt sich folgendes Bild: Im ambulanten Leistungsspektrum ist der Anteil der Alleinerziehenden, die Transferleistungen erhalten, mit 73% bei der SPFH am höchsten. Im Bereich der Fremdunterbringungen weist die Vollzeitpflege mit ca. 78% den höchsten Anteil aus. Im Vergleich zu 2014 und 2013 fällt insbesondere bei der Heimerziehung der Anteil von Familien mit Transferleistungsbezug für das Jahr 2015 geringer aus. Dies ist vermutlich auf den Anstieg der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge bei den stationären Hilfen zurückzuführen. Hierfür spricht auch, dass der Anteil der Alleinerziehendenfamilien mit Transferleistungsbezug in einem deutlich geringeren Maße zurückgegangen ist.

Abb. 3.2: Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) nach Transferleistungsbezug, Alleinerziehendenstatus und Hilfearten (Deutschland; 2015; begonnene Hilfen; Anteil in %)

* Einschließlich der sonstigen Hilfen
Lesebeispiel: 18% aller Familien, die eine Erziehungsberatung erhalten, sind gleichzeitig auf Transferleistungen angewiesen. Von den Alleinerziehenden, die eine Erziehungsberatung nutzen, erhalten 28% Transferleistungen.
Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige 2015; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Bei einer länderspezifischen Betrachtung der Familien mit Transferleistungsbezug in den Hilfen zur Erziehung werden Unterschiede zwischen den Bundesländern deutlich. Generell weisen die ostdeutschen Länder sowohl bei der Erziehungsberatung als auch bei den vom ASD organisierten Hilfen einen deutlich höheren Anteil an Familien auf, die finanzielle Unterstützungsleistungen erhalten (vgl. Tab. 3.2). Bei den Hilfen zur Erziehung (ohne Erziehungsberatung) liegen unter dem westdeutschen Durchschnitt Hamburg (35%), Bayern (36%) und Baden-Württemberg (44%). Deutlich über dem Wert sind Schleswig-Holstein (59%) und Nordrhein-Westfalen (60%), vor allem aber Berlin (67%) zu finden. In Ostdeutschland weist Sachsen-Anhalt mit 79% den höchsten Anteil auf. 

Bei der Erziehungsberatung reicht das Spektrum von 12% in Bayern bis zu 36% in Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt.

Tab. 3.2: Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) nach Transferleistungsbezug im Vergleich zu der Mindestsicherungsquote in der Bevölkerung (Länder; 2015; begonnene Hilfen; Angaben absolut und in %)

Bundesland Familien insgesamt in Erziehungsberatung 2015 (abs.) dar. Familien mit Transferleistungsbezug 2015 (in %) Familien insgesamt in Hilfen zur Erziehung 2015 (abs.) dar. Familien mit Transferleistungsbezug 2015 (in %) Mindestsicherungs-quote1 am Jahresende 2015
Baden-Württemberg 37.605 14,4 20.46 44,4 6,0
Bayern 40.48 12,3 21.748 36,2 5,2
Berlin 15.855 18,8 7.644 66,8 19,4
Brandenburg 8.604 22,1 6.705 63,7 11,0
Bremen 1.508 35,5 3.441 54,7 18,5
Hamburg 3.567 21,4 8.197 35,2 13,9
Hessen 20.12 15,4 12.438 42,9 9,3
Mecklenburg-Vorpommern 2.934 36,0 4.165 71,3 13,1
Niedersachsen 28.942 17,6 17.353 58,7 9,8
Nordrhein-Westfalen 80.267 17,3 43.636 59,7 12,0
Rheinland-Pfalz 14.242 15,4 9.063 54,4 7,8
Saarland 1.996 12,9 2.634 53,8 10,7
Sachsen 16.602 26,9 7.282 73,4 10,3
Sachsen-Anhalt 8.272 35,9 4.736 77,9 13,4
Schleswig-Holstein 15.763 19,7 6.134 59,2 10,3
Thüringen 9.165 22,1 3.473 68,4 9,4
Westdeutschland (einschl. Berlin) 260.345 16,3 152.748 51,3 9,5
Ostdeutschland 45.577 27,2 26.361 70,7 11,2
Deutschland 305.922 17,9 179.109 54,2 9,7

Die Mindestsicherungsquote gibt die Empfänger/-innen folgender Leistungen als Anteil an der Gesamtbevölkerung wieder: Leistungen nach dem SGB II, Hilfe zum Lebensunterhalt außerhalb von Einrichtungen nach dem SGB XII, Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung nach dem SGB XII, Regelleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, laufende Leistungen der Kriegsopferfürsorge.
Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige 2015; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik; Statistische Ämter des Bundes und der Länder; für die SGB II-Daten: Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Bestand Dezember
(www.amtliche-sozialberichterstattung.de/B1mindestsicherungsquote.html; Zugriff: 13.02.2017)

Vergleicht man ferner die Anteile der Hilfeempfänger/-innen mit Transferleistungsbezug mit denjenigen in der Gesamtbevölkerung, die eine Mindestsicherung erhalten, zeigt sich zunächst die besonders sozioökonomisch prekäre Lebenslage von Hilfeempfänger(inne)n. Während 58% der Familien, die eine erzieherische Hilfe jenseits der Erziehungsberatung – hier liegt der Anteil bei 18% – bekommen, gleichzeitig auf Transferleistungen angewiesen sind, erhalten 9% der Gesamtbevölkerung Leistungen der Mindestsicherung (vgl. Tab. 3.2). 

Insgesamt betrachtet bildet sich mit Blick auf den Transferleistungsbezug ein ähnliches Muster bei den Bundesländern ab wie bereits bei den Alleinerziehenden: In den Ländern mit einer hohen Mindestsicherungsquote gibt es tendenziell auch einen höheren Anteil der Transferleistungen beziehenden Familien in den erzieherischen Hilfen. Gleichwohl sich in allen Bundesländern eine deutliche Überrepräsentanz der Hilfeempfänger/-innen mit Transferleistungsbezug im Vergleich zu der Mindestsicherungsquote zeigt, fallen auch hier – wie bereits bei den Alleinerziehenden – die Differenzen unterschiedlich aus. Zwischen den beiden Gruppen reichen diese von 23 Prozentpunkten in Hamburg bis hin zu 65 Prozentpunkten in Sachsen-Anhalt und Thüringen bzw. 67 in Sachsen (vgl. Tab. 3.2). 

In den Fokus treten hier insbesondere die schwierigen Lebenskonstellationen von Alleinerziehenden, die überproportional in den Hilfen zur Erziehung vertreten sind und dazu noch besonders auf staatliche finanzielle Unterstützung angewiesen sind. Signalisiert wird somit über diese Daten, dass der Familienstatus „Alleinerziehend“ offenkundig Systeme öffentlicher Unterstützung in besonderer Weise benötigt. So ist zwar sicher richtig, dass die Lebensform „Alleinerziehend“ nicht durchweg als problematisch anzusehen ist3, gleichwohl sind die zu bewältigenden Herausforderungen und Zuschreibungen vielfältig – Arbeitslosigkeit, Armut, Bildungsferne, fehlende soziale Unterstützung und Erschwernisse des Alltags mit Kindern4 – und können eine dem Wohl des Kindes entsprechende Erziehung gefährden. So muss auch die sozialpolitische Seite dieser Ergebnisse zur Kenntnis genommen werden. Sozialstrukturelle Unterstützung, wie z.B. die Ausweitung und Flexibilisierung von Betreuungszeiten, um die Möglichkeit der Erwerbstätigkeit zu geben, können mitunter den genannten Herausforderungen entgegenwirken. Grundsätzlich sind hier unterschiedliche Akteure und Agenturen des Bildungs- und Sozialwesens aufgefordert, miteinander zu kooperieren, um präventiv und aktiv gegen Multiproblemlagen von jungen Menschen und deren Familien anzugehen.5 Daneben lassen die Ergebnisse Rückschlüsse auf die Gewährungspraxis in den Jugendämtern zu. Es entsteht der Eindruck, als würden Hilfen in den Jugendämtern vor Ort noch immer nach dem Muster gewährt: Intervenierende, also familienergänzende und familienersetzende Hilfen, erhält eher die Gruppe der Alleinerziehenden, beratende Hilfen bekommen hingegen eher Kinder von zusammenlebenden Eltern. Die Wahrnehmungs-, Definitions- und Handlungsmuster von Fachkräften und Teams der Sozialen Dienste, die mitunter einen Einfluss auf die Gewährungspraxis erzieherischer Hilfen haben können6, dürfen an dieser Stelle nicht außer Acht gelassen werden und bedürfen sicherlich einer regelmäßigen kritischen (Selbst-)Reflexion.7

Literatur:

Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik: Empirische Befunde zur Kinder- und Jugendhilfe. Analysen zum Leitthema des 16. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetages 2017, Dortmund 2017.

Autorengruppe Bildungsberichterstattung: Bildung in Deutschland 2016. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung und Migration, Berlin 2016.

Binder, K./Bürger, U.: Zur Bedeutung des Aufwachsens junger Menschen in spezifischen Lebenslagen für die Inanspruchnahme erzieherischer Hilfen, in: Zeitschrift für Kindschaftsrecht und Jugendhilfe, Heft 8/9, 2013, S. 320-330. 

Deutscher Bundestag (Hrsg.): 14. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland, Berlin 2013. 

Fendrich, S./Pothmann, J./Tabel, A.: Monitor Hilfen zur Erziehung 2016, Dortmund 2016. 

Hammer, A.: Befragung widerlegt Klischees über Alleinerziehende, in: Neue Caritas 5/2014, S. 21-24.

Lutz, R.: Kinderarmut und Quartiersbezogene Hilfen, in: Unsere Jugend, 2013, Heft 3, S. 112-122. 

Pinhard, I./Schutter, S.: AID:A-Befunde zur Lebenssituation alleinerziehender Mütter, DJI Online August 2012 (www.dji.de/index.php?id=42874&L=0; Zugriff: 27.02.2017)

  • Vgl. Deutscher Bundestag 2013, S. 107ff.
  • Vgl. Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik 2017
  • Vgl. Binder/Bürger 2013; Pinhard/Schutter 2012
  • Vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2016, S. 28
  • Vgl. z.B. das NRW-Modellprojekt „Kein Kind zurücklassen“ zum Aufbau von kommunalen Präventionsketten (www.kein-kind-zuruecklassen.de; Zugriff: 27.02.2017); Hammer 2014; Lutz 2013
  • Vgl. Fendrich/Pothmann/Tabel 2016
  • Vgl. Binder/Bürger 2013