3. Lebenslagen der Adressat(inn)en von Hilfen zur Erziehung

3.2 Transferleistungsbezug

Der 14. Kinder- und Jugendbericht hat einmal mehr darauf hingewiesen, dass Armut und die damit verbundenen prekären Lebenslagen Risiken für die Erziehung beinhalten. Länderspezifische Analysen – wie im HzE Bericht des Landes Nordrhein-Westfalen – verweisen zudem auf den Zusammenhang zwischen Armutslagen junger Menschen und der Inanspruchnahme von Hilfen zur Erziehung.

In der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik kann als Indikator für prekäre Lebenslagen der Bezug von Transferleistungen abgebildet werden. Berücksichtigt werden hierbei das Arbeitslosengeld II auch in Verbindung mit dem Sozialgeld (für Kinder), die bedarfsorientierte Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung im Rahmen der Sozialhilfe oder auch der Kinderzuschlag. Diese Angaben liefern Hinweise zur Inanspruchnahme von erzieherischen Hilfen durch Familien, die zumindest von Armut bedroht sind. Und in der Tat bestätigen die Ergebnisse der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik die Hypothese, dass es einen Zusammenhang von Armutslagen einerseits und einem erhöhten Bedarf an Leistungen der Hilfen zur Erziehung gibt.2 Anders formuliert: Adressat(inn)en von Hilfen zur Erziehung sind besonders von sozioökonomisch prekären Lebenslagen betroffen.

Die Analyse der Daten zeigt, dass jede zweite Familie, für die 2016 eine erzieherische Hilfe neu gewährt wurde (ohne Erziehungsberatung), auf Transferleistungen angewiesen ist. Bei der Erziehungsberatung ist lediglich knapp jede fünfte Familie von Transferleistungen betroffen (vgl. Abb. 3.2). Differenziert nach den einzelnen Hilfearten variiert die ausgewiesene Gesamtquote zwischen 33% (Intensive Sozialpädagogische Einzelbetreuung) auf der einen und 64% (Vollzeitpflege) auf der anderen Seite. Im ambulanten Hilfesetting ist für die Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) mit 63% der höchste Anteil festzustellen. 

Bei einzelnen Hilfearten zeichnen sich mitunter größere Veränderungen im Vergleich zum Vorjahr ab. So ist der Anteil der Familien, die Transferleistungen beziehen, gerade bei neu gewährten Fremdunterbringungen zwischen 2015 und 2016 zurückgegangen, und zwar sowohl bei der Vollzeitpflege als auch bei der Heimerziehung um 6 Prozentpunkte. Bei den Intensiven Sozialpädagogischen Einzelbetreuungen sank der Anteil sogar um 8 Prozentpunkte. Hier ist zu vermuten, dass sich hinter dieser Entwicklung der Anstieg der unbegleiteten ausländischen Minderjährigen in den Hilfen verbirgt, zu denen eine eindeutige Auskunft zu der sozioökonomischen Situation der Herkunftsfamilie unter Umständen nicht möglich ist.

Das Verhältnis von Familien mit und ohne Transferleistungsbezug erhöht sich noch einmal deutlich zugunsten der Familien mit Transferleistungsbezug bei der anteilig größten Hilfeempfängergruppe, den Alleinerziehenden (vgl. hierzu auch 3.1). Mit Blick auf ihre wirtschaftliche Situation sind 68% der Alleinerziehenden, die eine Hilfe zur Erziehung erhalten, gleichzeitig auf staatliche finanzielle Unterstützung angewiesen. Das sind etwa 17% mehr als Adressat(inn)en von erzieherischen Hilfen insgesamt betroffen sind. Differenziert nach den beiden Leistungssegmenten zeigt sich folgendes Bild: Im ambulanten Leistungsspektrum ist der Anteil der Alleinerziehenden, die Transferleistungen erhalten, mit 73% bei der SPFH am höchsten. Im Bereich der Fremdunterbringungen weist die Vollzeitpflege mit rund 79% den höchsten Anteil aus.

Abb. 3.2: Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) nach Transferleistungsbezug, Alleinerziehendenstatus und Hilfearten (Deutschland; 2016; begonnene Hilfen; Anteil in %)

* Einschließlich der sonstigen Hilfen
Lesebeispiel: 18% aller Familien, die eine Erziehungsberatung erhalten, sind gleichzeitig auf Transferleistungen angewiesen. Von den Alleinerziehenden, die eine Erziehungsberatung nutzen, erhalten 27% Transferleistungen.
Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige 2016; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Bei einer länderspezifischen Betrachtung der Familien mit Transferleistungsbezug in den Hilfen zur Erziehung werden Unterschiede zwischen den Bundesländern sichtbar. Generell weisen die ostdeutschen Länder sowohl bei der Erziehungsberatung als auch bei den vom ASD organisierten Hilfen einen höheren Anteil an Familien auf, die finanzielle Unterstützungsleistungen erhalten (vgl. Tab. 3.2). Grundsätzlich hat sich der Anteil der Familien mit Transferleistungsbezug in Ostdeutschland bei letzteren Hilfen gegenüber dem Vorjahr jedoch deutlich verringert (-9 Prozentpunkte).

Bei den Hilfen zur Erziehung (ohne Erziehungsberatung) liegen unter dem westdeutschen Durchschnitt Hamburg (31%), Bayern (39%), Baden-Württemberg (41%). Hessen liegt ebenfalls knapp unter der 49%-Marke. Deutlich über dem Wert ist die Quote von Berlin (65%). In Ostdeutschland weist Sachsen-Anhalt mit 68% den höchsten Anteil auf. 

Bei der Erziehungsberatung reicht das Spektrum der Familien, die bei Beginn der Beratung einen Transferleistungsbezug angeben, von 14% in Bayern bis zu 38% in Mecklenburg-Vorpommern.

Tab. 3.2: Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) nach Transferleistungsbezug im Vergleich zu der Mindestsicherungsquote in der Bevölkerung (Länder; 2015 und 2016; begonnene Hilfen; Angaben absolut und in %)

Bundesland Familien insgesamt in Erziehungsberatungen 2016 (abs.) Darunter Familien mit Transferleistungsbezug 2016 (in %) Familien insgesamt in Hilfen zur Erziehung 2016 (abs.) Darunter Familien mit Transferleistungsbezug 2016 (in %) Mindestsicherungs-quote1 am Jahresende 2015
Baden-Württemberg 38.327 15,1 23.154 40,7 6,0
Bayern 40.371 13,5 21.483 38,5 5,2
Berlin 14.982 18,2 7.894 64,6 19,4
Brandenburg 8.918 18,8 7.372 57,8 11,0
Bremen 1.589 26,6 3.491 52,0 18,5
Hamburg 4.365 20,6 8.845 31,0 13,9
Hessen 19.717 14,8 11.329 48,7 9,3
Mecklenburg-Vorpommern 2.966 37,9 4.617 64,0 13,1
Niedersachsen 29.863 17,5 20.686 54,3 9,8
Nordrhein-Westfalen 79.278 18,0 52.421 54,3 12,0
Rheinland-Pfalz 14.310 15,4 11.213 49,6 7,8
Saarland 1.850 15,0 2.811 55,9 10,7
Sachsen 17.213 25,4 8.702 61,8 10,3
Sachsen-Anhalt 7.662 33,2 5.261 67,7 13,4
Schleswig-Holstein 15.835 20,6 7.700 54,9 10,3
Thüringen 8.918 21,4 4.203 57,1 9,4
Westdeutschland (einschl. Berlin) 260.487 16,7 171.027 49,1 9,5
Ostdeutschland 45.677 25,4 30.155 61,5 11,2
Deutschland 306.164 18,0 201.182 50,9 9,7

Die Mindestsicherungsquote gibt die Empfänger/-innen folgender Leistungen als Anteil an der Gesamtbevölkerung wieder: Leistungen nach dem SGB II, Hilfe zum Lebensunterhalt außerhalb von Einrichtungen nach dem SGB XII, Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung nach dem SGB XII, Regelleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, laufende Leistungen der Kriegsopferfürsorge. Die länderbezogenen Daten für 2016 lagen zum Veröffentlichungszeitpunkt noch nicht vor, sodass hier auf die Daten des Jahres 2015 Bezug genommen wird. 
Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige 2016; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik; Statistische Ämter des Bundes und der Länder; für die SGB II-Daten: Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Bestand Dezember 
(www.amtliche-sozialberichterstattung.de/B1mindestsicherungsquote.html; Zugriff: 13.02.2017)

Vergleicht man ferner die Anteile der Hilfeempfänger/-innen mit Transferleistungsbezug mit denjenigen in der Gesamtbevölkerung, die eine Mindestsicherung erhalten, zeigt sich zunächst die besonders sozioökonomisch prekäre Lebenslage von Empfänger(inne)n erzieherischer Hilfen, die über den ASD organisiert werden. Während 51% der Familien, die eine erzieherische Hilfe jenseits der Erziehungsberatung bekommen, gleichzeitig auf Transferleistungen angewiesen sind, erhalten 10% der Gesamtbevölkerung Leistungen der Mindestsicherung (vgl. Tab. 3.2). 

Insgesamt betrachtet bildet sich mit Blick auf den Transferleistungsbezug ein ähnliches Muster bei den Bundesländern wie bereits bei den Alleinerziehenden ab: In den Ländern mit einer hohen Mindestsicherungsquote gibt es tendenziell auch einen höheren Anteil der Transferleistungen beziehenden Familien in den erzieherischen Hilfen. Gleichwohl sich in allen Bundesländern eine deutliche Überrepräsentanz der Hilfeempfänger/-innen mit Transferleistungsbezug im Vergleich zu der Mindestsicherungsquote zeigt, fallen auch hier – wie bereits bei den Alleinerziehenden – die Differenzen unterschiedlich aus. Zwischen den beiden Gruppen reichen diese von 17 Prozentpunkten in Hamburg bis hin zu 54 Prozentpunkten in Sachsen-Anhalt (vgl. Tab. 3.2). 

In den Fokus treten hier insbesondere die schwierigen Lebenskonstellationen von Alleinerziehenden, die überproportional in den Hilfen zur Erziehung vertreten sind und dazu noch besonders auf staatliche finanzielle Unterstützung angewiesen sind. Signalisiert wird somit über diese Daten, dass der Familienstatus „Alleinerziehend“ offenkundig Systeme öffentlicher Unterstützung in besonderer Weise benötigt. So ist zwar sicher richtig, dass die Lebensform „Alleinerziehend“ nicht durchweg als problematisch anzusehen ist3, gleichwohl sind die zu bewältigenden Herausforderungen und Zuschreibungen vielfältig – Arbeitslosigkeit, Armut, Bildungsferne, fehlende soziale Unterstützung und Erschwernisse des Alltags mit Kindern4 – und können eine dem Wohl des Kindes entsprechende Erziehung gefährden. So muss auch die sozialpolitische Seite dieser Ergebnisse zur Kenntnis genommen werden. Sozialstrukturelle Unterstützung, wie z.B. die Ausweitung und Flexibilisierung von Betreuungszeiten, um die Möglichkeit der Erwerbstätigkeit zu geben, können mitunter den genannten Herausforderungen entgegenwirken. Grundsätzlich sind hier unterschiedliche Akteure und Agenturen des Bildungs- und Sozialwesens aufgefordert, miteinander zu kooperieren, um präventiv und aktiv gegen Multiproblemlagen von jungen Menschen und deren Familien anzugehen.5

Literatur:

Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik: Empirische Befunde zur Kinder- und Jugendhilfe. Analysen zum Leitthema des 16. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetages 2017, Dortmund 2017.

Autorengruppe Bildungsberichterstattung: Bildung in Deutschland 2016. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung und Migration, Berlin 2016.

Binder, K./Bürger, U.: Zur Bedeutung des Aufwachsens junger Menschen in spezifischen Lebenslagen für die Inanspruchnahme erzieherischer Hilfen, in: Zeitschrift für Kindschaftsrecht und Jugendhilfe, Heft 8/9, 2013, S. 320-330. 

Deutscher Bundestag (Hrsg.): 14. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland, Berlin 2013. 

Hammer, A.: Befragung widerlegt Klischees über Alleinerziehende, in: Neue Caritas 5/2014, S. 21-24.

Lutz, R.: Kinderarmut und Quartiersbezogene Hilfen, in: Unsere Jugend, 2013, Heft 3, S. 112-122.

Pinhard, I./Schutter, S.: AID:A-Befunde zur Lebenssituation alleinerziehender Mütter, DJI Online August 2012 (www.dji.de/index.php?id=42874&L=0; Zugriff: 27.02.2017).

Tabel, A./Pothmann, J./Fendrich, S.: HzE Bericht 2017, Datenbasis 2015. Entwicklungen bei der Inanspruchnahme und den Ausgaben erzieherischer Hilfen in Nordrhein-Westfalen, Münster u.a. 2017.

  • Vgl. Deutscher Bundestag 2013, S. 107ff.; Tabel/Pothmann/Fendrich 2017, S. 107ff.
  • Vgl. Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik 2017
  • Vgl. Binder/Bürger 2013; Pinhard/Schutter 2012
  • Vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2016, S. 28
  • Vgl. z.B. das NRW-Modellprojekt „Kein Kind zurücklassen“ zum Aufbau von kommunalen Präventionsketten (www.kein-kind-zuruecklassen.de; Zugriff: 21.12.2017); Hammer 2014; Lutz 2013