3. Lebenslagen der Adressat(inn)en von Hilfen zur Erziehung

3.1 Familienstatus

Bezogen auf den Familienstatus können über die derzeit vorliegenden Ergebnisse der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik vor allem Aussagen über die Situation in der Herkunftsfamilie gemacht werden. Mit Blick auf die Eltern des jungen Menschen bzw. den Elternteil, bei dem das Kind bzw. der Jugendliche lebt, wird unterschieden zwischen zusammenlebenden Eltern, Alleinerziehenden und Elternteilen, die mit einem neuen Partner bzw. einer neuen Partnerin zusammenleben.1  

Die Analyse zeigt ein eindeutiges Ergebnis: Während Erziehungsberatung am stärksten von zusammenlebenden Eltern mit und ohne Trauschein nachgefragt wird, werden ambulante Hilfen und Fremdunterbringungen mehrheitlich von Alleinerziehenden in Anspruch genommen (vgl. Abb. 3.1). Hier stellen sich Fragen, inwiefern die Lebenslage „Alleinerziehend“ das alltägliche Erziehungsgeschehen belastet, aber auch, inwieweit bei Alleinerziehenden bestimmte Filter- und Zuweisungsprozesse in der Wahrnehmung der Fachkräfte in den Sozialen Diensten erfolgen.2 

Mit Blick auf die einzelnen Leistungssegmente zeigen sich Unterschiede. Erziehungsberatungen erhalten in 44% der Fälle zusammenlebende Eltern. Im Vergleich dazu fällt der Anteil dieser Familienform in den Hilfen zur Erziehung (ohne Erziehungsberatung) mit 25% wesentlich geringer aus. Hier werden etwa 40% der Fälle für Alleinerziehende gewährt. Der Anteil der Alleinerziehenden beträgt bei den ambulanten Leistungen 45%. Hilfeartspezifisch zeichnet sich ein unterschiedliches Bild bei der Verteilung der Familienformen ab. Unter dem besonderen Fokus der Alleinerziehenden ist diese Adressatengruppe im ambulanten Hilfesetting mit 26% anteilig am geringsten bei der Intensiven Sozialpädagogischen Einzelbetreuung vertreten. Der höchste Anteil wird für die Sozialpädagogische Familienhilfe ausgewiesen (51%).  

Bei Fremdunterbringungen wird aktuell ein Anteil von 32% an Alleinerziehendenfamilien gemessen. Dieser Wert hat sich im Vergleich zu den Vorjahren erheblich verringert; 2014 war er noch ähnlich hoch wie bei den ambulanten Hilfen. Stattdessen sind Lebensumstände, bei denen die Eltern junger Menschen verstorben oder unbekannt sind, mit einem Anteil von nunmehr 35% stärker in den Fokus gerückt. Bei den neu gewährten Hilfen in der Heimerziehung beträgt dieser Anteil mittlerweile sogar 40% und ist gegenüber 2015 um 10 Prozentpunkte gestiegen. Es ist davon auszugehen, dass diese Veränderungen auf die nun größere Adressatengruppe der unbegleiteten ausländischen Minderjährigen und deren Lebensumstände zurückgehen.3

Abb. 3.1: Hilfen zur Erziehung (einschließlich der Hilfen für junge Volljährige) nach Familienstatus und Hilfearten (Deutschland; 2016; begonnene Hilfen; Angaben in %) 

* Einschließlich der sonstigen Hilfen
Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige 2016; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Bei der länderspezifischen Betrachtung der Alleinerziehendenquote in den Hilfen bilden sich regionale Unterschiede ab (vgl. Tab. 3.1). Dies gilt sowohl für die Erziehungsberatung als auch für die über den ASD organisierten Hilfen zur Erziehung. Der bundesweit ausgewiesene Anteil der Alleinerziehenden in den erzieherischen Hilfen (ohne Erziehungsberatung) von 40% reicht von 32% in Bayern bis zu 51% in Berlin. Mit Blick auf die beiden Landesteile ist die Quote in den ostdeutschen Ländern höher (43%) als in den westdeutschen (39%). 

Für die Erziehungsberatung wird deutschlandweit mit 38% eine geringere Alleinerziehendenquote ausgewiesen. Deutliche regionale Unterschiede zeigen sich aber auch hier: Während die Quoten im Saarland und Rheinland-Pfalz bei 33% bzw. 34% liegen, ist beinahe jede zweite Familie, die eine Erziehungsberatung in Berlin, Hamburg oder Bremen erhält, alleinerziehend.  

Unter Berücksichtigung der Alleinerziehendenquote in der Bevölkerung, die 2015 bei 21% liegt, zeigt sich eine deutliche Überrepräsentanz dieser Adressatengruppe in den Hilfen zur Erziehung – für die vom ASD organisierten Hilfen noch stärker als für die Erziehungsberatung. Mit Blick auf die Hilfen zur Erziehung (ohne Erziehungsberatung) reicht das Spektrum der Differenz zwischen der Alleinerziehendenquote in den Hilfen zur Erziehung und in der Bevölkerung zwischen 7 Prozentpunkten in Bremen und über 20 Prozentpunkten in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen (vgl. Tab. 3.1). Insgesamt betrachtet deuten sich Parallelen zwischen der Alleinerziehendenquote in den erzieherischen Hilfen und der in der Bevölkerung an. Tendenziell zeigt sich, dass in den Ländern mit einem höheren Anteil an Alleinerziehenden in der Bevölkerung auch deren Anteil in den Hilfen zur Erziehung höher ist.

Tab. 3.1: Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) nach Alleinerziehendenstatus im Vergleich zu dem Anteil der Alleinerziehenden in der Bevölkerung (Länder; 2015 und 2016; begonnene Hilfen; Angaben absolut und in %)1

Bundesland  Familien in Erziehungsberatung 2016 (abs.)  Darunter Alleinerziehendenfamilien in Erziehungsberatung 2016 (in %)  Familien in Hilfen zur Erziehung (ohne  § 28 SGB VIII) 2016 (abs.)  Darunter Alleinerziehendenfamilien in Hilfen zur Erziehung (ohne § 28 SGB VIII) 2016
(in %) 
Alleinerziehende in der Bevölkerung 20151 (in %)  
Baden-Württemberg  38.327 35,3 23.154 35,9 16,5
Bayern  40.371 36,6 21.483 32,4 17,7
Berlin  14.982 47,5 7.894 50,8 32,1
Brandenburg  8.918 40,1 7.372 44,5 26,0
Bremen  1.589 47,1 3.491 36,1 29,0
Hamburg  4.365 49,3 8.845 40,5 27,1
Hessen  19.717 39,5 11.329 37,6 18,2
Mecklenburg-Vorpommern  2.966 41,4 4.617 44,7 28,2
Niedersachsen  29.863 37,8 20.686 39,8 19,3
Nordrhein-Westfalen  79.278 35,7 52.421 42,4 19,7
Rheinland-Pfalz  14.310 33,5 11.213 38,8 18,8
Saarland  1.850 33,1 2.811 34,6 21,3
Sachsen  17.213 41,5 8.702 42,5 24,3
Sachsen-Anhalt  7.662 36,6 5.261 44,6 27,6
Schleswig-Holstein  15.835 38,9 7.700 40,6 20,0
Thüringen  8.918 41,6 4.203 40,9 26,6
Westdeutschland (einschl. Berlin)  260.487 37,3 171.027 39,4 19,5
Ostdeutschland  45.677 40,4 30.155 43,0 26,1
Deutschland  306.164 37,8 201.182 40,0 20,5

1) Die länderbezogenen Mikrozensusdaten für das Jahr 2016 lagen zum Veröffentlichungszeitpunkt noch nicht vor, sodass hier auf die Daten des Jahres 2015 Bezug genommen wird.
Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige 2016; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik; Statistisches Bundesamt: Bevölkerung und Erwerbstätigkeit, Haushalte und Familien, Ergebnisse des Mikrozensus 2015

Literatur:

Fendrich, S./Pothmann, J./Tabel, A.: Hilfen zur Erziehung – weiterer Anstieg durch Hilfen für junge Geflüchtete. Online-Publikation, Dortmund 2017 (www.akjstat.tu-dortmund.de/fileadmin/Analysen/HzE/Kurzanalyse_HzE2016.pdf; Zugriff: 19.12.2017).

  • Ferner kann im Erhebungsbogen auf die Frage nach der Situation in der Herkunftsfamilie angegeben werden, dass die Eltern verstorben sind oder aber dass nichts weiter über die Eltern bekannt ist.
  • Für die Erziehungsberatung gilt bei der Erfassung von Daten die Besonderheit, dass sofern nicht alle Informationen zur Lebenssituation der beratenden Familien bekannt sind, die Angaben beim Ausfüllen des Erhebungsbogens weggelassen werden können. Es ist nicht auszuschließen, dass die in diesem Kapitel ausgewiesenen Daten zu den Lebenslagen der Familien in der Erziehungsberatung nicht vollständig sind.
  • Vgl. Fendrich/Pothmann/Tabel 2017