1. Ergebnisse im Überblick

Erneut über eine Million junge Menschen in den Hilfen zur Erziehung

Zum Jahresende 2016 hat das Statistische Bundesamt die Daten des Jahres 2015 zu den Hilfen zur Erziehung veröffentlicht. Mit einer Gesamtzahl von 1.052.305 jungen Menschen, die in diesem Jahr eine Hilfe zur Erziehung in Anspruch genommen haben, wurde ein neuer Höchststand erreicht. Bereits 2012 wurde erstmals die Millionen-Grenze bei der Zahl der Adressat(inn)en durchbrochen. Bevölkerungsbezogen wurden im Jahr 2015 660 pro 10.000 der unter 21-Jährigen von Hilfen zur Erziehung erreicht (vgl. 2.1). Die Zahl der Hilfen zur Erziehung hat in den letzten Jahren langsam, aber kontinuierlich zugenommen.

Hinter dem Anstieg der Hilfen zur Erziehung insgesamt stehen unterschiedliche Entwicklungen in den Leistungssegmenten: Im Jahr 2015 wurden 8% mehr Fremdunterbringungen gezählt als noch 2014, insbesondere bei stationären Unterbringungen in Einrichtungen der Heimerziehung gem. § 34 SGB VIII (+13%). Demgegenüber hat sich die Inanspruchnahme ambulanter Hilfen (+1%) und von Erziehungsberatungen (-1%) wenig verändert.

Knapp 8,7 Mrd. EUR Aufwendungen für Hilfen zur Erziehung

Parallel zum Anstieg der erzieherischen Hilfen ist eine weitere Zunahme der finanziellen Aufwendungen zu verzeichnen. Laut Angaben der KJH-Statistik werden für Hilfen zur Erziehung inklusive der Hilfen für junge Volljährige Jahr für Jahr mehr finanzielle Ressourcen seitens der kommunalen Jugendämter ausgegeben. Für das Jahr 2015 beläuft sich das Ausgabenvolumen auf nicht ganz 8,7 Mrd. EUR – im Jahre 2005 waren es noch knapp 5,4 Mrd. EUR (vgl. Kap. 5). Die zu beobachtende Zunahme der finanziellen Aufwendungen folgt damit einerseits einem größer werdenden Bedarf und einer steigenden Nachfrage sowie infolge dessen einer höheren Inanspruchnahme und Reichweite von Hilfen zur Erziehung.

Mit Blick auf die einzelnen Leistungssegmente sind die Ausgaben für die Erziehungsberatung seit 2005 – absolut betrachtet – nur marginal gestiegen. Bis 2015 ist eine Zunahme von 0,3 Mrd. EUR auf 0,7 Mrd. EUR zu konstatieren. Die Aufwendungen für ambulante Leistungen sind hingegen deutlicher gestiegen. Im Zeitraum 2005 bis 2015 ist hier eine Zunahme der finanziellen Aufwendungen von 1,2 Mrd. EUR auf fast 2,2 Mrd. EUR zu beobachten (+73%). Für den Bereich der Fremdunterbringung haben sich die finanziellen Aufwendungen zwischen 2005 und 2015 um knapp 46% oder auch 2,2 Mrd. EUR auf zuletzt 6,1 Mrd. EUR erhöht. 

Innerhalb der Hilfen zur Erziehung werden der Heimerziehung die höchsten Ausgaben zugerechnet. Mehr als jeder zweite Euro wird für stationäre Unterbringungen nach § 34 SGB VIII ausgegeben (54%), gefolgt von der Vollzeitpflege (14%) sowie der SPFH (11%) und der Tagesgruppenerziehung (6%).

Hilfen zur Erziehung auf einen Blick

Gesamtvolumen der Fallzahlen (Hilfen zur Erziehung + Hilfen für junge Volljährige, 2015):
Fallzahlen (Bestand am 31.12. + beendete Hilfen): 927.969
Anzahl junger Menschen (Bestand am 31.12. + beendete Hilfen): 1.052.305
Bevölkerungsbezogene Inanspruchnahme (Fallzahlen): 582,3 pro 10.000 der unter 21-Jährigen
Bevölkerungsbezogene Inanspruchnahme (Anzahl der jungen Menschen): 660,3 pro 10.000 der unter 21-Jährigen
Ausgaben für Einrichtungen und Leistungen (Hilfen zur Erziehung + Hilfen für junge Volljährige, 2015):
Ausgaben in 1.000 Euro: 8.653.159
Ausgaben pro unter 21-Jährigen: 543 EUR
Eckwerte (2015):
Durchschnittsalter der jungen Menschen bei Hilfebeginn: 10,4 Jahre
Anteil der Alleinerziehendenfamilien bei Hilfebeginn: 40,3%
Anteil der Transferleistungen beziehenden Familien bei Hilfebeginn: 31,3%
Anteil der jungen Menschen in Familien, in denen zu Hause nicht Deutsch gesprochen wird, bei Hilfebeginn: 15,2%
Durchschnittliche Dauer der beendeten Hilfen: 10 Monate
Anteil der beendeten Hilfen gemäß Hilfeplan (ohne Zuständigkeitswechsel der Jugendämter): 69,6%
Personalsituation (2014):
Tätige Personen: 86.797
V ollzeitäquivalente1: 64.247
Anteil der unter 45-jährigen Beschäftigten: 60,8%
Professionalisierungsquote2: 39,0%
Anteil der Vollzeit tätigen Personen: 51,4%

1) Rechnerische Vollzeitstellen
2) Anteil der Akademiker/-innen mit einem (sozial-)pädagogischen (Fach-)Hochschulabschluss 
Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige 2015; Ausgaben und Einnahmen 2015, Einrichtungen und tätige Personen 2014; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Hilfen zur Erziehung als ambulante Leistungen – auch eine Frage von Alter und Geschlecht

Seit Anfang der 2000er-Jahre werden pro Jahr mehr ambulante Leistungen in Anspruch genommen als junge Menschen in Pflegefamilien oder Heimen leben. Dies gilt nicht nur einschließlich der Erziehungsberatungsfälle, sondern auch dann, wenn man nur die über die Allgemeinen Sozialen Dienste organisierten Hilfen betrachtet (vgl. 2.1). Die Verteilung der am Ende des Jahres 2015 laufenden Hilfen zeigt, dass in allen Altersgruppen mehr familienunterstützende und -ergänzende Leistungen als familienersetzende Maßnahmen in Anspruch genommen werden, wenngleich die quantitative Bedeutung der Fremdunterbringungen in letzter Zeit wieder zugenommen hat.

Auch wenn altersunabhängig mehr ambulante Leistungen als Fremdunterbringungen in Anspruch genommen werden, so zeigen sich je nach Leistungssegment große Unterschiede bei der Altersverteilung. Die Inanspruchnahme einer Beratung, einer ambulanten Hilfe oder einer Fremdunterbringung korrespondiert mit dem Alter der Adressat(inn)en. So werden ambulante Leistungen häufiger von Jüngeren und ihren Familien in Anspruch genommen (vgl. 2.2). Demgegenüber sind in den Hilfen, die im Kontext von Fremdunterbringungen angeboten werden, erheblich mehr Jugendliche als Kinder zu finden. Dieses ‚Inanspruchnahmemuster‘ ist für die letzten Jahre konstant.

Nahezu unverändert zeigt sich auch die Geschlechterverteilung in den Hilfen zur Erziehung. Hier ist festzustellen, dass der Anteil der männlichen Klientel in den Hilfen zur Erziehung bei 56% liegt. In allen Leistungssegmenten bzw. Hilfearten sind Jungen und junge Männer insgesamt etwas überrepräsentiert (vgl. 2.2). Auch altersspezifisch gesehen ist die männliche Klientel in allen Jahrgängen stärker vertreten. Eine Ausnahme bildet die Erziehungsberatung: In den älteren Jahrgängen werden mehr Beratungen von Mädchen und ihren Familien nachgefragt.

Hilfen zur Erziehung als Reaktion auf bestimmte Lebenslagen von jungen Menschen und ihren Familien

Hilfen zur Erziehung sind notwendige Unterstützungsleistungen für Familien in belastenden Lebenskonstellationen. Der Ausfall eines oder beider Elternteile, die Trennung und Scheidung, aber auch die Folgen von fehlenden materiellen Ressourcen sowie damit verbundene Ausgrenzungsprozesse stellen Lebenslagen mit einem erhöhten Bedarf an Unterstützungsleistungen dar, weil Betreuung, Erziehung und Förderung in der Familie in zunehmendem Maße nicht gelingt oder zumindest ein erhöhtes Risiko des Scheiterns erkannt bzw. wahrgenommen wird.

Vor diesem Hintergrund sind Alleinerziehende überproportional in den Hilfen zur Erziehung vertreten (vgl. 3.1) – in der Regel solche, die dazu noch besonders auf staatliche finanzielle Unterstützung angewiesen sind. Es deutet einiges darauf hin, dass dies nicht folgenlos für die Gewährungspraxis der Jugendämter ist. Das heißt beispielsweise: In den Ländern, in denen der Anteil junger Menschen und deren Familien in belastenden Lebenslagen besonders hoch ist, liegt die Gewährungsquote von erzieherischen Hilfen über dem Bundesergebnis. Familien, in denen vorrangig kein Deutsch gesprochen wird, stellen ebenfalls eine besondere Herausforderung für das Hilfesystem dar. Sie sind zudem eher auf staatliche finanzielle Unterstützung angewiesen als Familien ohne Migrationshintergrund (vgl. 3.3). In letzter Zeit hat das Thema Migration zudem durch unbegleitete ausländische Minderjährige (UMA), die als Adressat(inn)en der Hilfen zu Erziehung im Allgemeinen und der Heimerziehung im Besonderen verstärkt in den Fokus getreten sind, die Fachdiskussion mitbestimmt und hat die Bedarfslagen für Angebote der Hilfen zur Erziehung insbesondere für die Heimerziehung verändert.

Diese Ergebnisse verdeutlichen einerseits, dass die Inanspruchnahme von Leistungen der Hilfen zur Erziehung auf sozioökonomische Verhältnisse und andere Lebenslagen mit besonderen Herausforderungen für das Aufwachsen junger Menschen und eine gelingende Erziehung in der Familie reagieren. Andererseits deuten die Befunde aber auch darauf hin, dass die Wahrnehmung dieser Konstellationen sowie damit verbundene Definitionsprozesse und Handlungsmuster von Fachkräften und Teams der Sozialen Dienste gleichermaßen einen Einfluss auf die Gewährungspraxis erzieherischer Hilfen haben können. Dies verweist auf die Notwendigkeit einer regelmäßigen kritischen (Selbst-)Reflexion professionellen Handelns der Fachkräfte in den Sozialen Diensten.

Keine einfachen und monokausalen Erklärungen für regionale Unterschiede

Regionale Unterschiede bei den Hilfen zur Erziehung sind zwar notwendig und erwünscht, um bedarfsgerechte lokale Hilfesysteme zu organisieren, gleichwohl jedoch auch erklärungsbedürftig, insbesondere angesichts der Ausmaße der örtlichen Diversifizierungen (vgl. Kap. 4). Die Heterogenität der Gewährungspraxis stationärer Hilfen zur Erziehung ist im Vergleich zu anderen Hilfearten etwas geringer ausgeprägt und erscheint mit Blick auf ebenfalls regional unterschiedlich verteilte Risiken des Aufwachsens – wie z.B. Armutsrisiken – überwiegend durch Faktoren außerhalb der Kinder- und Jugendhilfepraxis begründet zu sein. Weiterhin gilt der Grundsatz, dass die aufgezeigten Unterschiede nicht zu vereinfacht interpretiert werden dürfen,  sondern dass sie einen Anlass bieten, die lokalen Bedingungen vor Ort mit Kenntnis ihrer Komplexität zu reflektieren.

Personalzuwächse in der Heimerziehung

Die personellen Ressourcen sind im Arbeitsfeld der Hilfen zur Erziehung im Jahr 2014 weiter angestiegen. Gleichwohl ist der Zuwachs nicht mit dem „Personalboom“ von 2010 zu vergleichen. Der Anstieg zeigt sich ausschließlich in der Heimerziehung, während die ambulanten Hilfen von einem Rückgang der Beschäftigtenzahlen betroffen sind. 

Weiterhin ist eine Verschiebung im Altersaufbau zugunsten jüngerer Mitarbeiter/-innen zu beobachten, die sich bereits 2010 angedeutet hat. Diese Entwicklung stellt die Sozialen Dienste und Träger von Angeboten der Hilfen zur Erziehung vor aktuelle und zukünftige Herausforderungen, kann mitunter auch Potenziale bergen. Fragen nach einem adäquaten Wissenstransfer stehen hier genauso im Vordergrund wie die nach der Gestaltung von Teamstrukturen und fachlichen Standards.